Sport : Das Schussbein der Nation

Sein Torinstinkt war einmalig, seine Lebensgeschichte ist es auch: Gerd Müller wird heute 60 Jahre alt

Helmut Schümann

„Dann macht es bumm,

ja dann kracht’s,

und alles schreit,

der Müller macht’s,

dann macht es bumm,

dann gibt’s ein Tor,

und alles schreit

dann Müller vor.“

(Auszug aus Gerd Müllers Songbook)

* * *

Gerd Müllers Songbook ist ein schmales Bändchen. Neben eingangs erwähntem Liedgut enthält es noch die schöne Weise „Wenn das runde Leder rollt“. Das Werk erschien 1967, niemals zuvor, niemals danach hat Gerd Müller schärfer daneben geschossen. Und heute wird er 60, dann macht es bumm.

Eine der zahlreichen Geschichten um den „Bomber der Nation“ geht so – den Jüngeren sei gesagt, man sprach damals, in diesen Sechziger-, Siebzigerjahren im Fußball so martialisch, gemeint war aber, dass Gerd Müller das Schussbein der Nation war, ihr Knie, ihr Kopf, ihr Hintern, denn mit allem, was gestattet ist, erzielte Müller seine Tore. Die Geschichte also geht so: Anfang der Siebzigerjahre kamen zum FC Bayern München ein paar junge Männer, Abiturienten, Paul Breitner war darunter, Uli Hoeneß, Karl-Heinz Mrosko, Rainer Zobel. Abiturienten waren damals im Fußball noch eine Rarität, und so gab es die Mär, dass sich die gebildeten Jungs im Training auf Latein unterhielten. Den Franz Beckenbauer, der damals schon nicht leiden mochte, wenn jemand etwas besser kann als er, regte das fürchterlich auf. Und Gerd Müller, der gelernte Weber, der nie ein Mann des Wortes war und wurde? Der sagte: „I genervt? I find des toll, i könnt des net.“ An der Geschichte kann viel Verklärung dran sein, Hoeneß etwa sagt, dass niemals Latein im Training gesprochen wurde. Gesichert aber ist, dass Gerd Müller niemals irgendjemandem irgendetwas geneidet hätte.

Wenn man Gerd Müller heute auf dem Trainingsgelände des FC Bayern München trifft, und man trifft ihn dort immer, weil ihm der FC Bayern Heimat und Familie geworden ist, begegnet man einem Mann, der nicht weiß,wohin mit seinem Bewegungsdrang und sich denkbar knapp bemessen ausdrückt. Der Unruhegeist in ihm wird befriedigt als Assistenztrainer der Amateurmannschaft und im täglichen Tennisspiel. Den Mehmet Scholl aus der Profimannschaft der Bayern hat Müller mal angepfiffen, weil der beim Tennisspiel mit ihm immer so mitleidig umgegangen sei. Und als Scholl dann kapiert hat, dass er gegen Müller sein gesamtes Tenniskönnen aufbieten darf, hat auch Gerd Müller ernst gemacht. Scholl gewinnt immer noch kaum einen Satz. Den Ausdrucksdrang hingegen mäßigt Gerd Müller weitgehend, und wenn er mal redet, wie heute zum Geburtstag in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“, dann kommt das in etwa so oft vor, wie er früher Chancen ausgelassen hat: eigentlich nie. Doch, einmal noch, hat er sich nach vorne auf die Bühne begeben, das war zum 60. Geburtstag Beckenbauers, und die Rede, die Müller hielt, oder mehr noch, dass er sie hielt, war ihm eine Tortur. Vielleicht war Beckenbauer gerade deswegen so gerührt.

In ihrer aktiven Zeit beim FC Bayern waren die beiden Zimmergenossen, zwölf Jahre lang, sozusagen der wandelnde Widerspruch. Hier Gerd, „kleines, dickes Müller“, wie er vom Trainer Tschik Cajkovski genannt wurde, dort Franz, dem irgendwann in dieser Zeit ob seiner Eleganz der Vorname Kaiser zufiel. Der eine, pflichtbewusst, still, am liebsten im Schatten, der andere, der Firlefranz, der die Sonne liebt und die Termine verpasst hätte, wenn der Gerd ihn nicht rechtzeitig geweckt hätte.

Alles, was der FC Bayern heute ist, sagt Beckenbauer heute oft und gerne, wäre er nicht geworden, hätte es Gerd Müller mit seinen Toren nicht gegeben. Die aufzuzählen ist nur in einem dicken Band möglich: Er hat in 427 Bundesligaspielen 365 Tore erzielt, er hat in 62 Länderspielen 68 Tore geschossen, er hat allein in der Saison 1971/72 40 Mal getroffen, 32 Mal hat er mindestens drei Tore in einem Spiel gemacht, sieben Mal war er Torschützenkönig der Bundesliga, die meisten Weltmeisterschaftstore, 14 nämlich, hat natürlich auch er erzielt. Er ist Weltmeister und Europameister und Deutscher Meister und Pokalsieger und Europapokalsieger. Undso weiter. Und ein Tor, das war so idealtypisch. Das war der Siegtreffer zum 2:1 im WM-Finale 1974 gegen die Niederlande. Auf engstem Raum und bedrängt nimmt Müller den Ball an, dreht sich um und schießt ihn ins Netz. Gerd Müller brauchte nicht einmal den Platz einer Telefonzelle, um die Gegner zu blamieren. Dieser Instinkt, diese Wendigkeit, diese Spontaneität, alles wird einzigartig bleiben. Es ist kein ebenbürtiger Nachfolger in Sicht, es wird auch keinen geben.

Es ist ihm nicht alles geglückt im Leben. Es gab diese Phase, vor zehn Jahren, als die Frau weg war und die Langeweile drückte und der Wein sie erträglich machte. Da saß er auf der Rutsche und hatte schon fast keinen Halt mehr, außer der Dankbarkeit der früheren Mitstreiter. Vor allem Uli Hoeneß und auch Franz Beckenbauer nahmen sich Gerd Müllers an, schotteten ihn ab, brachten ihn in eine Klinik, Gerd Müller besiegte den Alkohol. Anschließend brachten Hoeneß und Beckenbauer ihn im Verein unter. Sein Arbeitsplatz war anfangs noch etwas unklar, und als auf einer Jahreshauptversammlung ein paar despektierliche Mitglieder murrten und wissen wollten, wofür Gerd Müller eigentlich Geld vom Klub bekommt, da schnappte sich wieder Beckenbauer das Mikrofon und knurrte in den Saal: „Und, wo wärt ihr ohne den Gerd?“ Es hat dann keiner mehr nachgefragt. Und heute sagen Stürmer wie der junge Paolo Guerrero: „Was ich jetzt bin, das verdanke ich vor allem Gerd Müller. Von ihm habe ich alles gelernt.“ Da wünscht man Gerd Müller doch, dass beim heutigen Ständchen das eigene Liedgut außen vor bleibt.

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