Sport : Das Schweigen der Männer

Wie Hertha-Trainer Huub Stevens versucht, seiner Mannschaft das Reden beizubringen / Rehmer verlängert Vertrag

Michael Rosentritt

Belek. Aus der Luft muss das Gebilde unten auf dem Fußballfeld ausgesehen haben wie eine große Sonnenuhr. Die Spieler von Hertha BSC hockten im Gras und bildeten dabei einen Kreis. Im Mittelpunkt stand Huub Stevens. Seine Arme hatte er auf dem Rücken verschränkt. Seine Schritte waren kurz und beschrieben einen etwas kleineren Kreis als den, den die Spieler gebildet hatten. So konnte er jedem Einzelnen in die Augen sehen. Stevens redete 20 Minuten auf sie ein.

Und da der Wind, der vom Meer herüber wehte, günstig stand, konnten Außenstehende ein paar Sätze aufschnappen. Den Kernsatz seiner kleinen Ansprache aber sprach Stevens so laut, dass er auch ohne Wind unüberhörbar hallte. „Es muss endlich mehr gesprochen werden auf dem Platz." Das stumme Miteinander war eines der vielen Versäumnisse, die letztlich in der enttäuschenden Hinrunde für den Berliner Bundesligisten mündeten. Zwar sagt Stevens, dass „sich alle im Team angesprochen fühlen dürfen“, doch gibt es qualitative Unterschiede, was die Position der einzelnen Spieler anbelangt und ihrer jeweiligen Stellung im mannschaftlichen Gefüge. Herthas Spielmacher und kreativer Stratege ist Marcelinho. Seine fußballerischen Qualitäten sind über jeden Zweifel erhaben. Nur leider konnte der schmale Brasilianer die Sprachbarriere noch immer nicht überwinden. Mit anderen Worten: Er gibt keine Kommandos auf dem Platz. „Gestern im Testspiel gegen Moskau hat er einmal einem Mitspieler etwas zugerufen, sogar auf Deutsch“, sagt Stevens. „Dafür habe ich ihn gelobt.“ Er hätte auch sagen können, nicht nur Marcelinho, sondern fast alle Spieler fangen in diesem Punkt bei null an.

Beispiel zwei: Pal Dardai. Der schweigsame Ungar bekleidet die wohl wichtigste Rolle im modernen Fußball, die im zentral-defensiven Mittelfeld. Seiner Aufgabe, die gegnerischen Angriffe abzufangen und sofort den Gegenstoß zu initiieren, wurde er nur bedingt gerecht. Was auch daran gelegen haben mag, dass Dardai lange Zeit brauchte, das Schicksal seines verunglückten Bruders zu verarbeiten. „Jetzt ist sein Kopf wieder frei. Wer auf seiner Position nicht spricht, beraubt sich einer wesentlichen Stärke“, sagt Stevens. Dabei gehe es nicht nur um Kommandos, sondern darum, den Mitspielern durch knappe Zurufe zu helfen, ihnen quasi die Augen zu öffnen. Ein zentraler Akteur hat das Spiel vor sich, sieht, wie Gegner und Mitspieler stehen. Da reiche es schon, wenn er seinem Nebenmann zuruft: „Spiel steil auf Alex oder lass prallen und geh ab“, sagt Stevens. Wenn die richtigen Abspiele zur richtigen Zeit kommen, „gewinnt der angespielte Mann einen Augenblick mehr Zeit, seinerseits den richtigen Pass zu spielen". Soweit zur Theorie.

Die Praxis sieht bei Hertha anders aus. Die Elf wirkt sprachlos, bisweilen verängstigt. „Das sehe ich auch“, blafft Stevens. Seine Fußballphilosophie basiert auf zwei Begriffe: Balance und Organisation. Doch was ist, wenn die Kommunikation auf der Strecke bleibt? „Beides gewinnst du durch spielen und reden. Aber dafür brauchst du auch die Typen. Ich kann aus Pal keinen Effenberg machen, und Marcelinho wird kein Cruyff mehr.“

Auch von Marko Rehmer, der dank seiner Erfahrung aus der Nationalelf geeignet erscheint für einen Führungsposten, erwartet sich Stevens manchmal eine höhere Phonzahl auf dem Platz. Immerhin bleibt dem Verteidiger einige Zeit, daran zu arbeiten. In Belek einigte er sich mit Manager Hoeneß auf eine Verlängerung seines Vertrages bis 2005. Die Unterzeichnung folgt in Berlin.

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