Sport : Das Schweigen der Reiter

Beim CHIO in Aachen wird das umstrittene Thema Rollkur vermieden

Jeanette Krauth[Aachen]

Der Mann ist einer der wenigen, die unbeeindruckt hingucken. Neun Uhr Sonntagmorgen beim CHIO in Aachen. Heinz Meyer, Soziologe, Psychologe, Hippologe, steht am Vorbereitungsplatz der Dressurreiter und beobachtet Edward Gal, den smarten Mann auf einem Rappen. Dieser ist ein Schüler der Olympiasiegerin Anky van Grunsven, die dafür bekannt ist, dass sie eine umstrittene Methode namens Rollkur anwendet. „Ich will wissen, warum sie angewandt wird und wer es wann tut“, sagt Meyer. Demnächst wird er im Auftrag der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) ein Buch über die Rollkur veröffentlichen.

„Edward Gal ist ein feinfühliger, genauer Reiter“, sagt Meyer über Gal. Aber so fein er mit einem fast unsichtbaren Verschieben des Unterschenkels dem Pferd den Weg weist – so grob zieht er manchmal am Zügel und biegt den Hals des Pferdes, dessen Maul dann fast die Brust berührt. Das ist der Moment, den man Rollkur nennt. Den Schaden sieht man, wenn Garibaldi, so heißt sein Pferd, Schritt geht. Das ist die wichtigste Gangart, auf die alles aufbaut, wie es in der klassischen Reitlehre heißt. Und hier ist der Takt des Pferdes gestört. „Sobald der Zügel fehlt, macht er Fehler“, erklärt Meyer. Er glaubt, dass die Rollkur nicht, wie von ihren Verfechtern erklärt, zur Gymnastizierung des Pferdes dient, sondern zur absoluten Unterordnung.

Um das Thema Rollkur ist es ruhig geworden. Ein Ergebnis von Sportpolitik, nicht von konkreten Lösungen. Zur Europameisterschaft vergangenen Jahres wurde das Thema heiß diskutiert. Schmerzen, sogar Halswirbelentzündungen könnten die Folge der Methode sein, hieß es. Ein Tierärzte-Workshop des weltweiten Dachverbandes der Reiter, der FEI, im Januar 2006 blieb ergebnislos, man benötige weitere Forschungen, hieß es. Das klingt nicht nur nach einem Spiel auf Zeit: Anwesende, die nicht genannt werden möchten, berichten, dass die FEI explizit gesagt hätte, dass „bis zu den Weltreiterspielen Ruhe in das Thema kommen soll“. Die Haltung des deutschen Verbandes, der FN, ist zwar: Rollkur ist eine Irrlehre, aber mehr wird auch nicht getan. „Der FN fehlt ein starker Hüter der klassischen Reitlehre“, sagt ein Kritiker.

Das allseitige „Ball flach halten“ zeigt sich nun auf dem CHIO. Anky van Grunsven kam gar nicht erst, angeblich wegen der sie schlecht darstellenden deutschen Presse. Niemand in Aachen redet über Trainingsmethoden. Das verwundert wenig: Die Rollkur ist das Extrem einer zu engen Zügelführung, und die ist in der gesamten Dressurspitze zu beobachten. In der Grand-Prix-Kür, die Nadine Capellmann gewann, zeigte gerade mal eine Starterin das in der Reittheorie geforderte „Vergrößern des Rahmens“, nämlich Ann Kathrin Linsenhoff. Wenn man so will, ist das „Vergrößern des Rahmens“ der Gegenpol zur Rollkur: Damit wird dem Pferd mehr Halsstreckung erlaubt, wenn es seine Trab- oder Galopptritte verstärkt. Doch die Richter ignorierten das Fehlen dieser Anforderung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar