Sport : Das Schwimmen leben

Wie Sportdirektor Madsen den DSV verändert

Frank Bachner[Budapest]

Ein Kreuzchen genügte, die möglichen Antworten waren vorgegeben. Ist der Trainer freundlich? Ist er sachkundig? Hat er Teamgeist? Es gab noch ein paar solcher Fragen auf den Bögen, die Örjan Madsen verteilte. Die deutschen Spitzenschwimmer durften ihre Trainer bewerten, Leute mit jahrelanger Erfahrung. Die Trainer mussten ihrerseits ihre Sportler einschätzen. So etwas hatten sie noch nicht erlebt im deutschen Schwimmen. Aber alle, Trainer und Sportler, mussten auch Örjan Madsen schriftlich einschätzen, den neuen Sportdirektor des Deutschen Schwimmverbands (DSV), seit März Nachfolger des charismatischen Ralf Beckmann. Die Fragebögen verteilte der Norweger bei einem Trainingslager in Sardinien, es war eine seiner ersten Amtshandlungen.

Wer wie abgeschnitten hat, behält Madsen für sich, aber die Fragebögen zeigen, wie er arbeitet. „Wenn wir bei den Olympischen Spielen 2008 eine Chancen haben wollen, müssen wir alles radikal ändern“, sagt er. Eigentlich beginnt sein Konzept Weltklasse 2008 ja erst im September, aber das ist eine Formalie. In Wirklichkeit ist er schon jetzt mitten im Projekt. Heute beginnen bei der Europameisterschaft in Budapest die Wettbewerbe im 50-Meter Becken, und dass dort nur 25 deutsche Athleten starten, ist Madsens Entscheidung. 25, so wenige waren es seit Jahren nicht mehr. Aber Madsen hat bei der Nominierung keinerlei Kompromisse gemacht. Keine Normerfüllung, kein Start, Punkt. Beckmann war da früher etwas großzügiger.

Aber Madsen sagt jetzt auch: „Es würde mich nicht wundern, wenn zwei Drittel der Mannschaft mit einer Medaille nach Hause reisen.“ Helge Meeuw, Britta Steffen, Annika Liebs, Janine Pietsch, Antje Buschschulte, es gibt im deutschen Team genügend Medaillenkandidaten. Helge Meeuw an erster Stelle. Der 21-Jährige aus Wiesbaden hat bei der Deutschen Meisterschaft über 100 Meter und 200 Meter Rücken jeweils einen Europarekord aufgestellt, er gilt auf diesen Strecken als Top-Favorit. Die Frage ist nur, ob er in Budapest dem psychischen Druck stand hält. „Ich glaube, dass er das schafft“, sagt Madsen.

Doch der 60-Jährige redet nicht bloß über Meeuw. Er sagt auch: „Wir haben drei Frauen, deren Leistungen in Europa Spitze sind.“ Annika Liebs zum Beispiel, deren Bestmarke über 200 Meter Freistil nur noch gut eine Sekunde schlechter als der Weltrekord ist. Oder Britta Steffen, seit kurzem Inhaberin des deutschen Rekords über 100 Meter Freistil. Auch Janine Pietsch gehört über 50 und 100 Meter Rücken zu den Medaillenkandidaten. Über 50 Meter Rücken hält die Ingolstädterin sogar den Weltrekord in 28,19 Sekunden. Medaillenchancen hat durchaus auch Antje Buschschulte, die WM-Zweite von 2005 über 100 MeterRücken. Und dann sind da noch die Frauen-Staffeln. „Bei den Frauen gehe ich davon aus, dass alle Staffeln um Gold mitschwimmen“, sagt Madsen.

Madsen redet selten laut. Er ist einer jener Menschen, die natürliche Autorität ausstrahlen. Und er ist deutlich genug. „Er hat uns allen einen vor den Latz geknallt“, sagt Roland Böller, der die fünfmalige Weltmeisterin Hannah Stockbauer betreut. Zu wenig Trainingsintensität, zu schlechte Strukturen, zu viel Macht für die Heimtrainer, solche Dinge monierte Madsen.

Er will alles zentraler, er will vor allem, dass die besten deutschen Schwimmer bis Peking 2008 wie Profis leben. Madsen ist Experte für Höhentrainingslager, er will drei jeweils vierwöchige Trainingslager in der Höhe pro Jahr, dazu Wettkämpfe, 170 Tage im Jahr nur Schwimmen, so sollte es sein. „Anders geht es nicht“, sagt er.

„Anders geht es doch“, erwidert Meeuw. Er will ab Herbst Medizin studieren, „und ich will nicht erst mit Mitte 30 meinen Facharzt haben“. Für Leute wie Meeuw, sagt Madsen, „muss man andere Lösungen finden“. Irgendjemand muss das Profitum ja auch finanzieren.

Nicht jeder kann sein Problem so einfach regeln wie Janine Pietsch. Die arbeitet halbtags, bat vor kurzem ihren Chef um ein Gespräch und erzählte dem dann ohne große Umstände: „Ich brauche bis 2008 genügend freie Zeit, es geht nicht anders. “ Der Chef, sagt Pietsch grinsend, habe eingewilligt.

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