Sport : „Das sind alles Zocker“

Vor dem Landgericht Bochum beginnt der erste Prozess im bisher größten Fußball-Wettskandal

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Das Kreuz mit den Wetten. Sie machen den Fußball anfällig für Manipulation. Foto: dpa
Das Kreuz mit den Wetten. Sie machen den Fußball anfällig für Manipulation. Foto: dpaFoto: dpa

Berlin - Der Vorhang wird an diesem Mittwoch geöffnet und dann den Blick freigeben in einen Abgrund. Europas größter Fußball-Wettskandal wird verhandelt. Vor dem Landgericht Bochum findet der erste Akt statt, vier mutmaßliche Hintermänner müssen sich verantworten wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs. Die ersten 32 Spiele stehen zur Klärung an, Spiele aus Deutschland, Belgien, Ungarn, Kroatien, der Slowakei und Schweiz, die ersten von insgesamt 270 in ganz Europa, bei denen 7,5 Millionen Euro Gewinn erzielt worden sein soll – mit Hilfe von 1,5 Millionen an Bestechungsgeld.

Aus Deutschland sind in diesem ersten Prozess 17 Spiele betroffen, eines aus dem DFB-Pokal, zwei aus der Zweiten Liga, neun aus den Regionalligen, drei aus den Oberligen und zwei Spiele aus dem Nachwuchsbereich U 19. Auch Beobachter des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) werden im Gerichtssaal Platz nehmen und sich sicher auf bittere Wahrheiten eingestellt haben. Eine davon formuliert Rechtsanwalt Reinhard Peters, der einen der Angeklagten vertritt. „Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit manche Fußballspieler damit umgegangen sind. Dass sie sich mit ihnen unbekannten Leuten eingelassen haben, um einen schönen Nebenverdienst zu bekommen“, sagte Peters dem Tagesspiegel. Anhaltspunkte, dass Spieler bedroht oder erpresst wurden, lägen bei den ihm bekannten Fällen nicht vor.

Fünf Verhandlungstage hat die Strafkammer in Bochum angesetzt, doch Anwälte rechnen damit, dass sich das Verfahren bis Weihnachten hinzieht. Zeugen sind nach Angaben des Gerichts noch keine geladen. Nicht alle Angeklagten haben auch schon so umfangreiche Aussagen gemacht wie Nürettin G. aus Lohne. Der Türke betrieb mehrere Wettbüros in Nordwestdeutschland, auch Karten wurden dort gespielt. „Das sind alles Zocker“, sagt sein Rechtsanwalt Jens Meggers auf Nachfrage. „Dass es satte Freiheitsstrafen geben wird, davon kann man ausgehen.“ Über Handy, Internet und Skype soll sich G. mit anderen abgesprochen und Spieler bestochen haben. In einem Fall kam den Hintermännern zupass, dass auch der Fußballer selbst wettet und dabei schon einige Schulden bei ihnen angehäuft hatte.

Nürettin G. hat früh und umfassend ausgesagt. Wohl auch angestachelt davon, „dass sich die Angeklagten untereinander nicht grün sind“, wie sein Anwalt sagt. 300 000 Euro soll ein Mitangeklagter G. geschuldet haben. Die mutmaßlichen Betrüger haben viel Geld in Asien gesetzt, bei asiatischen Wettanbietern sind die Quoten besonders gut und die Hürden zum Spielen mit hohen Einsätzen nicht so hoch. Auch Live-Wetten waren attraktiv, also Wetten während des laufenden Spiels. Auf späte Gegentore haben sie dabei ebenso gesetzt wie auf Rote Karten.

Parallel zur strafrechtlichen Aufarbeitung geht die sportgerichtliche weiter. Der DFB hat bislang fünf Strafen gegen Spieler ausgesprochen. Marcel Schuon etwa, ehemaliger Profi des VfL Osnabrück, wurde bis Ende 2012 gesperrt. Nach Auffassung des DFB hatte sich Schuon bereit erklärt, vier Zweitligaspiele der Osnabrücker zugunsten des Gegners zu beeinflussen. Dass tatsächlich eine Manipulation stattfand, konnte der DFB nicht beweisen. Insgesamt laufen beim DFB 16 Verfahren: 15 gegen Spieler, gegen einen Schiedsrichter wurde eine Schutzsperre verhängt. 53 Spiele in Deutschland sollen betroffen sein – ein Abgrund, von dem auch der DFB bislang noch nicht weiß, wie tief er wirklich ist.

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