Sport : Das späte Kribbeln

Ömer Erdogan, geboren in Kassel, wurde erst mit 33 Jahren ins türkische Nationalteam berufen. Gegen Deutschland glaubt er an einen Sieg

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Viele Jahre als Profifußballer mussten vergehen, ehe Ömer Erdogan dieses Gefühl noch einmal spürte: Ihm wurden die Knie weich, und der Puls raste. Vor dem Spiel der Türkei in Kasachstan fühlte sich Erdogan, als würde er zum ersten Mal Fußball spielen. So ganz trog ihn sein Gefühl auch nicht, schließlich sollte Erdogan auch zum ersten Mal spielen. Zum ersten Mal für die Türkei. Beim Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft in Astana gab Erdogan sein Debüt im Nationalteam – mit 33 Jahren.

Erdogan wurde an diesem 2. September zu einem der ältesten Nationalmannschaftsdebütanten in der türkischen Fußballgeschichte. „Da ging ein Traum in Erfüllung“, sagt er. Wie im Traum müssen ihm auch die vergangenen Monate vorgekommen sein. Im Mai feierte Erdogan als Kapitän mit seinem Verein Bursaspor sensationell den Gewinn der türkischen Meisterschaft. In einem dramatischen Finale überholte Bursa am letzten Spieltag noch Fenerbahce Istanbul mit dem deutschen Trainer Christoph Daum.

Die Jubelfeiern in der viertgrößten türkischen Stadt dauerten mehrere Tage, und für die Fans von Bursaspor wurde Erdogan zur Symbolfigur des Triumphs. In einem Spiel hatte sich der 1,90 Meter große Verteidiger eine schwere Kopfverletzung zugezogen, doch weil das Auswechselkontingent erschöpft war, spielte der Kapitän mit blutdurchtränktem Kopfverband weiter. Seitdem verehren sie den aus Deutschland stammenden Erdogan in Bursa wie einen Volkshelden.

Drei Monate später folgte dann die Einladung zur Nationalmannschaft durch den neuen Trainer Guus Hiddink. Erdogan beschreibt diese Tage als „die schönsten meiner Karriere“. Nun steht für ihn ein weiterer Höhepunkt in seinem Fußballerleben an. Dass es im Rahmen der EM-Qualifikation gegen Deutschland geht, ist für ihn „etwas ganz Besonderes“.

Er ist in Deutschland geboren, seine Eltern leben noch immer in Kassel. Dort, bei Hessen Kassel, begann Erdogan als 18-Jähriger seine Karriere. Später ging er für ein Jahr zum FC St. Pauli in die Zweite Liga, ehe er 1998 in die Türkei wechselte. Erdogan wäre gern in Deutschland geblieben, doch in der Türkei sah er bessere Chancen für sich im Profifußball. „Damals waren türkischstämmige Fußballer in der Bundesliga noch nicht so verbreitet“, sagt Erdogan. „Die Situation war eine völlig andere als heute. Zu meiner Zeit gab es einfach kaum gute Angebote von Bundesligisten an Türken.“ Das hat sich mit den Jahren geändert, Spieler wie Nuri Sahin, Serdar Tasci oder die Altintop-Brüder Hamit und Halil zählen zu den Stars in der Bundesliga.

„Es ist gut für den türkischen Fußball, wenn sich die Spieler in anderen Ligen durchsetzen“, sagt Erdogan.

Deshalb ist der torgefährliche Innenverteidiger, der in der vergangenen Saison sechs Treffer für Bursaspor erzielte, auch optimistisch, was das Spiel gegen Deutschland angeht. „Wir haben Respekt, aber wenn wir das Spiel gewinnen, wäre das keine Überraschung“, sagt er. „Jedenfalls nicht für uns.“ Erdogan selbst hofft, dass er gegen sein Geburtsland wieder von Beginn an spielen darf. Gegen Kasachstan und Belgien ließ Trainer Hiddink seinen Debütanten durchspielen. Erdogan sagt: „Ich freue mich, wenn mir der Trainer das Vertrauen gibt. Aber wir haben so viele gute Spieler, da kann man sich nie sicher sein, dass man immer spielt.“ Mit einem Sieg in Berlin würde die Türkei der EM-Endrunde ein großes Stück näher kommen. Ömer Erdogan wäre dann 35 Jahre alt. Auch in diesem Alter kann es noch kribbeln.

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