Sport : „Das Spektakel muss weitergehen“

Nach dem Tod eines Polizisten: Italiens Fußballklubs dürfen nur in den Stadien spielen, in denen die Sicherheit gewährleistet ist

Paul Kreiner[Rom]

Italiens Regierung bleibt hart. Der Fußball darf seinen öffentlichen Spielbetrieb nur dort wieder aufnehmen, wo die Gesetze eingehalten werden und die Sicherheit der Stadien garantiert ist. Wo dies nicht der Fall ist, darf nur unter Ausschluss des Publikums gespielt werden, aber womöglich schon am kommenden Wochenende wieder, damit der dicht gedrängte Kalender von Serie A und Serie B nicht durcheinander kommt. Darauf haben sich Regierung, italienischer Fußballbund und Nationales Olympisches Komitee am Montagabend geeinigt. Die Stadien, sagte Sportministerin Giovanna Melandri, würden jetzt „eins ums andere geprüft, und unser Ziel ist es, sie nach und nach wieder zu öffnen“.

Innenminister Guliano Amato kündigte nach dem Krisengipfel auch härtere Maßnahmen gegen gewalttätige Fans an. Diese könnten künftig auch schon bei Verdacht und im voraus von den Spielen ausgeschlossen werden. „Als vorbeugende Maßnahme“ werde dieses Verfahren auch bei Minderjährigen angewendet. Die Ausgeschlossen könnten dann während der Spiele sozial nützliche Arbeiten verrichten: „Graffiti von den Wänden löschen oder Toiletten putzen.“

Nachdem ein Polizist beim Sizilienderby Catania gegen Palermo getötet worden war, hat der italienische Fußballbund (FIGC) noch Freitagnacht alle Wettbewerbe ausgesetzt. Doch nicht einmal 48 Stunden später lehnte sich Ligapräsident Antonio Matarrese gegen diese Maßnahme auf: „Das Spektakel muss weitergehen. Die Hauptregel ist: Der Fußball darf nie aufhören. Er ist eine der bedeutendsten Industrien Italiens, er muss arbeiten können. Fiat hat zur Konzernsanierung ja auch nicht seine Maschinen abgestellt."

Der Moderator bei „Radio Capital“ hielt Matarrese entgegen: „Aber hier hat es ja einen Toten gegeben!“ Die Antwort des Ligapräsidenten: „Die Toten des Systems gehören leider zu der großen, großen Bewegung, die die Ordnungskräfte bisher nicht kontrollieren können.“

Am Abend, als alle öffentlichen Redner seine Äußerungen als „menschenverachtend“ oder gar „wahnsinnig“ hingestellt hatten, schwächte Matarrese ab: Er sei missverstanden worden. Tatsache bleibt aber, dass sich die Profivereine mit einer Stadionsperre nicht abfinden wollen: „Es ist zutiefst ungerecht, dass wegen 400 Gewalttätern ganze italienische Familien nicht mehr das Stadion besuchen können“, sagt Riccardo Garrone, Präsident von Sampdoria Genua. „Wenn wir der Gewalt nachgeben und den Fußball stoppen, schreien die Radikalen ,Sieg’!“, sagte Ivan Ruggieri, Chef von Atalanta Bergamo.

Am Montagmittag fanden im überfüllten Dom von Catania die Beisetzungsfeierlichkeiten für den 38-jährigen Polizisten Filippo Raciti statt, der am Freitagabend wohl vorsätzlich ermordet worden war. Der genaue Tathergang indes ließ sich nicht mehr ermitteln: Während die Staatsanwaltschaft das Stadion von Catania versiegelte, dachte keiner an den Vorplatz als den eigentlichen Tatort. Dort bauten schon am Morgen danach die Händler des Wochenmarkts ihre Stände wieder auf. Danach wurde alles fein säuberlich geputzt, verwertbare Spuren oder gar Beweismittel blieben nicht übrig.

Währenddessen häufen sich in verschiedenen Städten Italiens die Graffitti von offenbar radikalen Tifosi, in denen Solidarität mit den Cataneser Randalierern ausgedrückt wird. Zum Beispiel war da zu lesen: „Ein Bulle weniger. Tifosi - Polizei: eins zu null.“ Oder: „Polizei, größter Feind.“

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