Sport : Das Spiel geht weiter

Hertha BSC gewinnt in Rostock zum ersten Mal in dieser Saison und sichert Trainer Stevens vorerst den Job

André Görke,Mathias Klappenbach

Von André Görke

und Mathias Klappenbach

Rostock. Immer wieder schnitt Holger Gehrke mit dem Zeigefinger quer über seinen Hals. „Schiri, pfeif endlich ab!“ sollte das heißen. Zwei Minuten Nachspielzeit waren es schon, Hertha führte 1:0 in Rostock. Wie lange denn noch? Dann endlich, der Abpfiff. 17.18 Uhr. Gehrke, der Assistent von Herthas Trainer Huub Stevens, reißt die Arme hoch, er schreit und fällt seinem Chef um den Hals, die Kollegen folgen, und Stevens verschwindet in einer Menschenmeute.

Samstagnachmittag, Ostseestadion Rostock. Hertha BSC hat das erste Bundesligaspiel dieser Saison gewonnen, im zehnten Versuch. Die Berliner siegten 1:0. Sie sind jetzt 15. der Liga, das ist nicht besonders toll, aber immer noch besser als Letzter zu sein – wie vor dem Spiel. „Ich bin glücklich“, wird Manager Dieter Hoeneß später sagen. „Und Huub ist es auch.“ Noch während der Trainer alle Spieler, alle Betreuer und den Manager umarmte, schossen ihm die Tränen in die Augen. Es waren Tränen der Erleichterung und des Glücks.

Um Stevens ging es an diesem Nachmittag in erster Linie. Hätte die Mannschaft das Spiel in Rostock nicht gewonnen, wäre er seinen Job losgeworden. So sah der Deal aus, auf den sich Hoeneß und Stevens am Montag geeinigt hatten. Einen Plan B hatte Manager Hoeneß ebenfalls schon ausgearbeitet. Für den heutigen Sonntag hat er sich ein Flugticket besorgt, er will in Skandinavien Kontakt mit Kjetil Rekdal aufnehmen. Herthas früherer Libero ist erster Anwärter auf die Nachfolge von Stevens. Für eine Übergangszeit könnte Andreas Thom, der Kotrainer der Amateure, die Profis trainieren. Aber noch ist Stevens im Amt. Ob er auch nach dem Sieg in Rostock nach Oslo fliege, wurde Hoeneß gefragt: „Ich will das nicht kommentieren.“ Gibt es bis zum Dienstag Kontakt zu einem anderen Trainer? „Nein.“

Dienstag geht es weiter für Stevens. Wieder muss er mit Hertha nach Rostock fahren, wieder muss er gewinnen. Sonst droht ihm erneut der Verlust des Arbeitsplatzes. „Von dieser Vereinbarung rücken wir nicht ab“, sagte Hoeneß nach dem Abpfiff. Gewinnt Stevens auch das DFB-Pokalspiel, so soll ihm auf jeden Fall bis Weihnachten Zeit gegeben werden. Manager Hoeneß wollte aber lieber „über andere Dinge“ reden. „Wir haben ja die erste Schlacht gewonnen.“

Diese Worte waren etwas zu martialisch, weil Hertha nicht nur kämpfte, sondern teilweise auch gut spielte. Im Mittelfeld wirkte sich vor allem die bessere Fitness Marcelinhos auf das Aufbauspiel aus. Zusammen mit Niko Kovac und Pal Dardai im defensiven Mittelfeld schloss er immer wieder Lücken und verlagerte so das Spiel nach vorn. Fredi Bobic und der Brasilianer Luizao profitierten im Sturm davon. So fiel auch das 1:0 nach einer halben Stunde: Hertha überbrückte schnell das Mittelfeld, Bobic kam an der Strafraumgrenze an den Ball, schob ihn durch die Beine des Rostockers Uwe Möhrle zu Luizao – der umkurvte Hansas Torhüter Mathias Schober und traf zur Führung. Marcelinho riss seinen Landsmann jubelnd zu Boden, die Kollegen schmissen sich auf ihn und irgendwann war nicht mehr zu erkennen, welches Bein zu welchem Spieler gehörte.

Ausgerechnet Luizao. Der hatte in dieser Saison nur einmal von Anfang an gespielt. „Ich habe wirklich gelitten in den vergangenen Wochen“, sagte er nach dem Abpfiff. Seinen Treffer wollte er „nicht nur als Tor für den Trainer, sondern auch für die Mannschaft“ sehen. Neben Luizao stürmte Bobic, der von Herthas Aufbauspiel profitierte, das Kovac als „sehr viel schneller und beweglicher“ bezeichnete, „weil wir uns klar an die Aufgaben gehalten haben“. Nach einer Viertelstunde scheiterte Bobic mit einem Schuss aus zehn Metern an Torhüter Schober, kurz nach der Pause lenkte dieser einen Kopfball des Stürmers an den Pfosten. Und sechs Minuten vor dem Abpfiff war es erneut Schober, der einen Volleyschuss von Bobic gerade noch abwehrte. „Es gab nicht viel zu meckern heute“, sagte Kovac. „Nur unsere Chancenverwertung muss besser werden.“

Und Stevens? Der verschwand nach dem Abpfiff in der Kabine, kam nur kurz heraus, dann sagte er: „Wir haben gewonnen – nicht ich.“ Um 18.30 Uhr fuhr der Mannschaftsbus zurück nach Berlin. Bis Dienstag.

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