Sport : Das Spiel neu gelernt

Erst war der englische Fußball zu schnell für ihn, jetzt ist Aliaksandr Hleb bei Arsenal angekommen

Raphael Honigstein[London]

Die Sonne scheint, das Leben ist leicht. Die hübschen Mädchen sind wieder auf der Straße, vom französischen Crêpe- Stand an der Ecke fliegt ein süßer Duft herüber, am Fuß des Hügels blühen die Kirschbäume. Und Aliaksandr Hleb ist verliebt – in seine Mannschaft. „Wir haben unser Spiel gefunden“, strahlt er, „Der Ball läuft super, und wir spüren, dass wir als Team jeden Tag wachsen, so wie ein Baum. Es ist ein Traum hier.“ Nicht der Hauch von Anspannung ist kurz vor dem bisher größten Spiel seiner Karriere, dem Champions-League-Halbfinale gegen Villarreal (heute 20.45 Uhr, live bei Premiere), bei ihm zu spüren, nur reine Vorfreude: „Wir müssen hinten gut stehen, vorne machen wir schon unser Tor. Wir haben ein gutes Gefühl.“

Aliaksandr Hleb, den alle in London nur „Alex“ rufen, gibt sich dem Moment im Licht hin. Gerade weil er die dunklen Monate zuvor nicht vergessen hat. „Der Anfang war schwer hier“, sagt er, „ich wohnte in Enfield, eineinhalb Stunden außerhalb der Stadt, dort war es schön, aber so langweilig, dass ich Heimweh bekam. Und im Training, da ging es wusch! wusch! wusch! Alles unglaublich schnell.“ Er schüttelt mit dem Kopf; wie ein Mann, der neben einer Rennstrecke den Formel-1-Autos hinterherschaut. Der technisch begabteste Spieler der Bundesliga musste nach seinem Wechsel vom VfB Stuttgart fast von vorne anfangen. „Ich habe gebraucht, bis ich verstanden hatte, wie das direkte Spiel hier funktioniert“, sagt er. Beim VfB war er die „10“, er wurde ständig gesucht, man erwartete alles von ihm: Pässe, Dribblings, Torschüsse. Manchmal sollte er das Spiel beruhigen. „Aber bei Arsenal kannst du den Ball nicht annehmen und schauen. Du musst sofort abgeben – oder losziehen. Es gibt keine Zeit nachzudenken.“

In London hatten viele irrtümlich geglaubt, Arsène Wengers einziger Neueinkauf sei der Ersatz für den zu Juventus abgewanderten Kapitän Patrick Vieira. Hleb aber kam nur sporadisch zum Einsatz, meist auf dem rechten Flügel, seine Anpassungsschwierigkeiten waren unübersehbar. Dann verletzte er sich am Knie. Die englischen Zeitungen spekulierten über eine baldige Rückkehr nach Deutschland. „Ich hatte das Vertrauen nicht“, sagt der 24-Jährige, „aber der Trainer hat mir geholfen. Wenger ist fantastisch: Er redet nicht viel, aber sieht alles, und was er sagt, stimmt genau. Es ist, als ob er in dich hineinschauen kann.“ Nach und nach fand Hleb zu sich – und zu seinen Mitspielern. Seit dem 1:0 bei Real Madrid im Februar ist der Weißrusse Stammspieler. Am Samstag hat er gegen West Bromwich Albion den Ball mit links unter die Latte geschossen, sein drittes Tor für Arsenal. „Es hat ein bisschen gedauert“, sagt Wenger, „aber jeder Spieler, der zu uns kommt, braucht sechs Monate.“ Man wüsste nun, warum er verpflichtet worden sei, lobte ihn der „Observer“: „Er strahlt Lebensfreude und Bedrohlichkeit aus, wie die besten Wenger-Spieler.“

Ja, es ist schön bei Arsenal und in London, genauer gesagt im hübschen Viertel Hampstead, mit seinen vielen Cafés und den höflichen Menschen, die auch nach Niederlagen freundlich grüßen. Manchmal kommt Nachbar Jens Lehmann bei Hleb vorbei, zum Bundesligagucken. Insgesamt sei das Niveau in Deutschland durchaus vergleichbar, meint Hleb, nur das Tempo nicht. „Und wir machen im Training weniger Läufe und Krafttraining, alle Übungen sind mit Ball, dabei aber sehr intensiv.“ Lockere Spielchen könne man sich wegen der großen Konkurrenz im Kader nicht erlauben.

Mit der berüchtigten Härte auf der Insel ist Hleb bisher gut zurechtgekommen. „Es gibt mehr Kontakt, natürlich“, sagt er, „aber sehr viel weniger schmutzige Fouls. 90 Prozent der Grätschen gehen auf den Ball, nicht gegen deinen Fuß.“ Dafür gehe es 90 Minuten rauf und runter; „die Gegner kämpfen noch, wenn es schon 0:7 gegen sie steht“, wundert er sich. Nach einem schmeichelhaften 1:0-Sieg, auch dies war neu für ihn, pfeifen die Fans nicht – sie klatschen, genau wie nach verlorenen Spielen, „Scheiß-Millionäre“ singt niemand. Hier lässt es sich leben. „Ich habe der Mannschaft gesagt: Wenn wir die Champions League gewinnen, beende ich meine Karriere“, sagt Hleb und lacht: „Nein, ist nur ein Scherz“. Der große Spaß hat – wie der Frühling – erst begonnen.

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