Sport : Das Spiel noch einmal unter die Lupe genommen

Sebastian Arlt

Typisch Oliver Bierhoff. Ob er sich denn nun als Matchwinner fühle, wurde der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nach dem 2:1-Sieg gegen Finnland gefragt. Umzingelt von Kameras, Mikrofonen und schwitzenden Journalisten behält der 31jährige in den Katakomben des Olympiastadions auch verbal den Überblick. Kein "ich sach mal" oder "na gut". Die Antwort sprudelt nicht aus ihm heraus. Bierhoff lässt sich ein paar Sekunden Zeit, um dann zu einem Gesamtlob anzuheben: "Matchwinner ist die ganze Mannschaft." Natürlich sei er froh, dass er die beiden Tore geschossen habe. "Aber ich lebe nun mal von Flanken und Zuspielen." Und letztlich sei es doch so: "Tore zu schießen, ist meine Aufgabe."

In 41 Länderspielen hat er diese Aufgabe bisher sechsundzwanzigmal erfüllt. "Gar nicht so schlecht", stellt er selbst fest. Doch auch für ihn war sein erster Treffer etwas ganz Besonderes. Denn er kann sich nicht erinnern, nur 92 Sekunden nach dem Anpfiff schon einmal getroffen zu haben. "Ein bisschen glücklich ist der Ball schon zu mir gekommen - und der Torwart war auch noch dran", sagt er. Etwas anderes war es dann schon mit Treffer Nummer zwei. Bei seinem Volleyschuss "wurde mein Mut belohnt, volles Risiko zu gehen". Bei solchen Schüssen gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder man trifft - oder der Ball fliegt über die Tribüne hinweg aus dem Stadion. In Helsinki wäre er dann etwa in Höhe der Paavo-Nurmi-Statue unterhalb des auf einem kleinen Hügel gelegenen Olympiastadions von 1952 gelandet.

Diesmal zischte die Kugel ins finnische Tor. Und da konnte sich selbst der zurückhaltende, aber sehr eloquente Bierhoff die Bemerkung nicht verkneifen: "Ich wollte auch mal ein schönes Tor schießen. Sonst schieße ich ja zumeist normale Tore." Nicht nur im DFB-Team, auch für den AC Mailand, mit dem der Abiturient Bierhoff in der vergangenen Saison Italienischer Meister wurde. In der Champions League trifft er mit Milan auch auf Hertha BSC.

Schon ist es genug, zur eigenen Person gibt es nichts mehr zu sagen. Es ist auffällig, dass Bierhoff bei Fragen, die ihn betreffen, immer schnell auf die Mannschaft, auf die Mitspieler lenkt. Ein Wesenszug, der nicht wenigen im Team von Erich Ribbeck völlig abgeht. Insofern ist Bierhoff als Kapitän nicht nur Vorbild auf dem Platz, sondern gibt abseits des Spielfeldes ebenfalls ein gutes Bild ab. Was auch der Werbebranche nicht verborgen geblieben ist. Ob für Haarshampoo, eine Investmentgruppe oder einen Handy-Anbieter - wohl nur Franz Beckenbauer kann so viele Werbeverträge vorweisen wie der spätberufene Bierhoff, der im November 1995 zum ersten Mal in der Nationalmannschaft (damals unter Berti Vogts) zum Einsatz kam.

Jedermanns Liebling ist er in der Mannschaft jedoch nicht. Auch unter Fußball-Millionären ist der Neidfaktor beachtlich. Das Wort vom "Werbefuzzy" macht(e) die Runde. Ihn ficht das nicht an. Auch die Vorwürfe nicht, dass er sich vor der Mexiko-Reise gedrückt habe. Das sei mit Ribbeck so abgesprochen gewesen, mehr habe er dazu nicht mehr zu sagen. Es gibt Situationen, da kann auch Oliver Bierhoff sehr egoistisch sein. Und wirkt dabei immer noch nett und freundlich.

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