Sport : Das Spiel um Platz 15

Mit einem Sieg in Köln könnte Hertha BSC die Situation im Abstiegskampf entscheidend verbessern.

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Endlich wieder lachen. Nach einer Serie von Misserfolgen haben die Berliner (hier Felix Bastians mit Lewan Kobiaschwili) durch den Sieg gegen Bremen den Stimmungsumschwung geschafft. Der Trend soll heute gegen Köln fortgesetzt werden. Foto: dapd
Endlich wieder lachen. Nach einer Serie von Misserfolgen haben die Berliner (hier Felix Bastians mit Lewan Kobiaschwili) durch den...Foto: dapd

Berlin - Der 1. Fußball-Club Köln erlebt gerade eine ziemlich turbulente Phase seiner Vereinsgeschichte. Die Klub-Ikone Lukas Podolski steht vor einem Wechsel zum FC Arsenal nach London, Sportdirektor Volker Finke und Trainer Stale Solbakken schaffen es nicht, den Eindruck zu widerlegen, dass ihr Verhältnis nachhaltig gestört ist. Und als wäre all das nicht schon aufregend genug, haben die Kölner jetzt auch noch Ärger mit den eigenen Fans, die am Wochenende einen Bus mit Anhängern des verhassten Rivalen Borussia Mönchengladbach attackiert haben. Der Klub hat reagiert und der Wilden Horde, der wichtigsten Kölner Ultragruppierung, sämtliche Privilegien entzogen. Ihre Mitglieder dürfen den Arbeitsraum im Stadion nicht mehr nutzen, keinen Verkaufsstand betreiben und auch ihr Banner an diesem Samstag, beim Heimspiel gegen Hertha BSC, nicht aufhängen. Wie sich diese Sanktionen auf die Stimmung auswirken werden, kann man nur mutmaßen. Ultras neigen zum Stolz, gerade in eigener Sache. Ausgeschlossen ist es daher nicht, dass sie heute demonstrativ schweigen, um zu zeigen: Es geht nicht ohne uns.

Hertha dürfte es nach drei Auswärtsniederlagen hintereinander nur recht sein, wenn die Atmosphäre ein wenig unterkühlt bliebe. „Auswärts müssen wir auch mal was machen“, sagt Otto Rehhagel, der Trainer des Berliner Fußball- Bundesligisten. „Aber dazu müssen wir über uns hinauswachsen, alles muss passen.“

Die Begegnung in Köln ist für Hertha so etwas wie das Spiel um Platz 15, der am Ende der Saison zum Verbleib in der Bundesliga reichen würde. Mit einem Sieg würden die Berliner sogar am FC vorbeiziehen. Zudem könnten sie von der Gnade des Spielplans profitieren. Die drei Klubs, die hinter Hertha die Abstiegsplätze belegen, haben an diesem Wochenende recht anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen: Augsburg empfängt den designierten Meister Borussia Dortmund, Freiburg muss beim Tabellendritten Borussia Mönchengladbach antreten und Kaiserslautern bleibt nach dem 0:0 gestern in Stuttgart über den Spieltag hinaus auf Platz 18.

Zumindest dem Papier nach ist also nicht zu erwarten, dass die Konkurrenz an diesem Wochenende entscheidenden Boden auf Hertha gut macht. Im Gegenteil: Die Berliner können die berechtigte Hoffnung hegen, mit einem Sieg nicht nur den 1. FC Köln in der Tabelle hinter sich zu lassen, sondern sich auch ein wenig von der Abstiegszone abzusetzen. Nach Wochen der Tristesse sind die Aussichten für Hertha wieder etwas rosiger. Mit dem Sieg gegen Werder Bremen vor einer Woche hat die Mannschaft den Stimmungsumschwung geschafft. „Der Sieg hat uns das Lächeln zurückgebracht“, sagt Lewan Kobiaschwili, der die Mannschaft wohl auch in Köln wieder als Kapitän aufs Feld führen wird. „Wir können nicht immer nach hinten schauen und zufrieden sein, dass wir gegen Bremen gewonnen haben. Aber wenn wir mit derselben Einstellung reingehen, bin ich überzeugt, dass wir mindestens einen Punkt aus Köln mitnehmen.“

Die Zuversicht ist zu Hertha zurückgekehrt. „Man geht mit mehr Lust auf den Trainingsplatz“, berichtet Mittelfeldspieler Peter Niemeyer. Es ist, als hätte der Erfolg gegen Werder mit einem Male die bleierne Schwere vertrieben. „Die Jungs sind wieder ganz anders drauf“, sagt Trainer Rehhagel. Kein Wunder, Herthas Spieler werden jetzt nicht mehr dauernd mit ihrem eigenen Misserfolg konfrontiert. Tunay Torun hatte sie satt, die immer gleichen Fragen von Freunden und Bekannten: „Was ist denn bei euch los?“ Sein Kollege Andreas Ottl bestätigt, dass die Serie von Niederlagen „an uns genagt“ hat. Jetzt aber sind in der Kabine plötzlich wieder lachende Gesichter zu sehen, sogar Scherze werden gemacht. Von Euphorie will Manager Michael Preetz angesichts der immer noch prekären Tabellensituation zwar nichts wissen, „aber es ist schon so, dass manches leichter von der Hand geht“.

Diese Leichtigkeit suchen auch die Kölner, die sich bis zum vergangenen Wochenende in einem ähnlich dramatischen Abwärtstrend befanden wie die Berliner. Mit dem späten Ausgleich zum 1:1 in Hoffenheim haben sie zumindest den Totalabsturz verhindert, zudem wird Lukas Podolski nach seiner Magen-Darm-Erkrankung vermutlich gegen Hertha spielen können. „Er ist derjenige, der die Klasse der Kölner ausmacht“, sagt Otto Rehhagel. Welche Klasse?, könnte man fragen. Im eigenen Stadion hat der FC die letzten drei Spiele verloren. Überhaupt sind die Kölner so etwas wie Herthas Lieblingsgegner: Sechs der jüngsten acht Bundesligabegegnungen gegen den FC haben die Berliner gewonnen, darunter die letzten drei in Köln-Müngersdorf. Das 3:0 im Hinspiel war – gegen einen zugegeben extrem schwachen Gegner – vielleicht Herthas beschwingtester Auftritt in dieser Saison. „Unsere Spieler werden sich sicher daran erinnern“, sagt Manager Michael Preetz. Schaden kann es nicht.

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