Sport : Das Spiel verplempert

England gewinnt durch ein Freistoßtor von David Beckham 1:0 gegen Ekuador

Robert Ide[Stuttgart]

Bevor er gegen den Ball trat, lächelte David Beckham. Hatte er Grund dazu? Eine Stunde lang war die von ihm angeführte englische Mannschaft über den Rasen von Stuttgart gestolpert und hatte sich keine Torchance erspielt. Stattdessen Pässe ins Leere, Dribblings ohne Ziel, Fernschüsse aus Verzweiflung. Nun lag der Ball gut zwanzig Meter vor dem Tor, Beckham lächelte, lief an, mit rechts trat er zu, und so flog der Ball vorbei an der Abwehrmauer von Ekuador und quetschte sich in die kleine Lücke zwischen linkem Pfosten und der rechten Hand von Torwart Cristian Mora. England wurde im Achtelfinale gegen Ekuador erlöst – von einem Kapitän, der die Schwäche seines Teams mit einem Kunstschuss zu überspielen vermochte. Doch nach einem insgesamt lahmen 1:0 (0:0)-Sieg dürften die Diskussionen um die Mannschaft des schwedischen Trainers Sven-Göran Eriksson weitergehen. Immerhin die Kritik an Beckham wird verstummen, hatte sich der 31-Jährige seinen Treffer doch mit Einsatzwillen verdient.

„Wir haben es uns selbst schwer gemacht und den Ball nicht so gut kontrolliert, wie wir das können“, kritisierte Beckham . Er selbst immerhin hatte bei schwülheißen Bedingungen in Stuttgart versucht, Verantwortung zu übernehmen – so wie es Eriksson in einer seltenen Koalition mit der englischen Presse gefordert hatte. Die Hitze, die sich über Stuttgart gelegt hatte, machte dem angegriffenen Anführer allerdings schwer zu schaffen. „Ich fühlte mich schon vor dem Spiel nicht gut, aber ich dachte, es sei nicht so schlimm“, erzählte Beckham.

Kurz vor Schluss bekam der Torschütze Probleme mit seinem Kreislauf – er erbrach sich auf den Rasen. „In der zweiten Halbzeit wurde mir richtig schlecht, da kam es einfach raus.“ Kurz vor Spielende wechselte ihn Eriksson aus. Später zeigte sich der Trainer verwundert darüber, dass ihm Beckham nichts von seiner Übelkeit gesagt hatte.

Es war noch die kleinste Kommunikationspanne im englischen Team. Ohne Einsatz, Ideen und Verständnis für die Mitspieler präsentierte sich der selbsternannte Titelanwärter. „Wir waren nicht schnell genug in der ersten Halbzeit“, gestand Steven Gerrard ein, der als hängende Spitze selten auffiel. Wie Frank Lampard schoss er vergeblich aufs Tor. Abgesehen von einigen lauen Chancen, von denen keine einer gewollten Kombination entsprang, bot das Mittelfeld der Stars lange eine katastrophale Leistung.

Einzig Wayne Rooney vermochte zu überzeugen. Der 20-Jährige, der nach geheiltem Mittelfußbruch erst zwei halbe WM-Spiele absolviert hatte, musste die alleinige Verantwortung im Sturm übernehmen. Eriksson ließ Peter Crouch auf der Bank. „Ohne England fahr’n wir nach Berlin“, spotteten die deutschen Fans und forderten die Einwechslung Lukas Podolskis. Der deutsche Stürmer hätte dem englischen Angriff in der Tat gut getan.

Fast wären die harmlosen Ekuadorianer sogar in Führung gegangen. Einen einfach abzuwehrenden Flankenball köpfte Englands Verteidiger John Terry statt vom eigenen Strafraum weg direkt vor die Füße von Ekuadors Stürmer Carlos Tenorio. Der wusste mit dem Präsent nichts anzufangen und zögerte, der heraneilende Ashley Cole sprang noch in den Schuss und lenkte ihn an die Latte. „Da haben wir Glück gehabt“, gab Eriksson zu. Solch eine Chance kam für Ekuador nicht wieder. „Wir sind sehr stolz, dass wir das Achtelfinale erreicht haben“, fasste Suarez die risikoarme Einstellung seiner Mannschaft treffend zusammen. Doch auch bei den Engländern wollte kaum jemand Verantwortung übernehmen. Selbst der zuvor solide Owen Hargreaves konnte als rechter Verteidiger nicht überzeugen, für ihn rückte Debütant Michael Carrick von Tottenham Hotspur ins Abwehrzentrum.

Als das Spiel nach einer Stunde verplempert war und sich auf der Bank schon Ersatzstürmer Crouch die Stutzen richtete, setzte Beckham zum befreienden Kunstschuss an. Danach ergaben sich noch einige Chancen, meist allerdings durch Zufall. Frank Lampard vergab sie. So war sich die Mannschaft ohne mannschaftliche Geschlossenheit immerhin in der Einschätzung einig, wem sie das Weiterkommen zu verdanken hatte. „David Beckham hat heute gespielt wie ein Kapitän“, sagte Owen Hargreaves stellvertretend für alle. Beckham ließ sich nach dem Schlusspfiff lange von den Zehntausenden englischen Fans feiern. Die anderen waren da schon in der Kabine verschwunden.

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