Sport : Das Spontane ist weg - Warum die heimstarken Hanseaten dem Aufsteiger unterlagen

Was den Großen der Liga verwehrt blieb, schafften ausgerechnet die Nobodies vom Aufsteiger SSV Ulm. Mit einem 2:1 (1:0) fügten die Schwaben dem Hamburger SV im neuen Volksparkstadion die erste Niederlage seit dem 13. März 1999 zu und bereiteten dem Höhenflug der Norddeutschen Richtung Champions League ein vorläufiges Ende. Doch kaum war die "Festung Volkspark" gefallen, gingen die Ulmer wieder zur Tagesordnung Abstiegskampf über. "Wir brauchen 40 Punkte - und die haben wir noch lange nicht. Es wäre vermessen zu sagen, wir haben mit dem Abstieg nichts mehr zu tun", sagte Torwart Philipp Laux.

Disziplin und "Bodenhaftung" waren auch in Hamburg die Schlüssel zum Erfolg des Bundesliga-Neulings, der durch die beiden Kontertore von Rainer Scharinger (35.) und Bernd Maier (65.) verdient, aber unverhofft drei Punkte einfuhr. Trainer Martin Andermatt freute sich besonders über die Umsetzung seiner Taktik: "Wir haben die Aggressivität aus den Heimspielen endlich auch mal auswärts umsetzen können. Die Mannschaft war sehr kompakt und geschlossen und hat die Hamburger kaum ins Spiel kommen lassen." "Eine Katastrophe. So ein schlechtes Spiel habe ich noch nicht erlebt", schimpfte Rodolfo Cardoso. Dem argentinischen Spielmacher glitt die Regie völlig aus den Händen, er und seine Mitspieler übertrumpften sich bis in die Nachspielzeit an Ungeschicklichkeit. Niko Kovac stellte fest: "Die Ulmer haben uns wirklich vorgeführt. Das Spontane, das Erfrischende, ist urplötzlich ein bisschen weg bei uns."

Nur den Anschlusstreffer durch Thomas Gravesens Freistoß ließen die disziplinierte Gäste-Abwehr und der wieder erstklassige Torwart Laux zu. "Wenn alle im Team richtig mitmachen, können wir überall gut aussehen", meinte der Mannschaftskapitän und ging mit seinen Kollegen dann doch noch feiern - der Betriebsausflug an die Elbe war gelungen und sollte mit einem Besuch auf dem Fischmarkt am Sonntagmorgen ausklingen.

Ulm war für den HSV offenbar die falsche Mannschaft zum falschen Zeitpunkt. Eine Mischung aus Unsicherheit nach dem verspielten Sieg von Wolfsburg in der Vorwoche und latenter Überheblichkeit angesichts des Gegners und der Heimstärke führten zur schwächsten Saisonleistung. "Wir haben die erste Halbzeit völlig verschlafen", sagte HSV-Coach Frank Pagelsdorf, "ich muss jetzt dafür sorgen, dass die Mannschaft wieder mit mehr Selbstvertrauen an die nächsten Aufgaben herangeht."

Dann kann er hoffen, auch Anthony Yeboah wieder zur Verfügung zu haben. Der an Leistenproblemen laborierende Ghanaer war durch Vahid Hashemian und Karsten Bäron nie zu ersetzen. Und das Comeback von Kapitän Martin Groth nach über fünf Monaten Pause ging auch daneben. "Wir wollen in den internationalen Wettbewerb", unterstrich Bernd Hollerbach trotz der Enttäuschung die Hamburger Ansprüche und demonstrierte fast trotziges Selbstvertrauen: "Und das werden wir auch schaffen." Dabei war auch er wegen einer schwachen Vorstellung von seinem Trainer Pagelsdorf ausgewechselt worden.

Noch ist nicht viel passiert, noch steht das Team auf Platz drei und hat alle Chancen auf die Champions-League-Qualifikation. Doch jetzt folgt die erste echte Reifeprüfung angesichts zweier herber Pleiten in Folge. "Ich habe immer gesagt, uns fehlt noch die Cleverness, um ganz oben mitzuspielen", sagte Pagelsdorf zum nahezu uneinholbaren Abstand auf das Spitzenduo aus München und Leverkusen, "aber vor den Verfolgern haben wir immer noch einen gewissen Vorsprung - und den wollen wir halten."

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