Sport : Das Stadion ist der Star

Gladbach verabschiedet sich vom Bökelberg

Stefan Hermanns

Ob Norden, Süden, Osten, Westen,

Heppos Frauen sind die besten.

Nachtclub Harem, in Arsbeck

an der Kirche.

Werbedurchsage auf dem Bökelberg

* * *

Heppos Frauen waren immer der Brüller. Da haben die Zuschauer auf dem Bökelberg auch noch gelacht, als der Spruch zum 47. Mal durch die Lautsprecher kam. Nur die Kirche, so erzählt man sich in Mönchengladbach, fand die Durchsage nicht besonders witzig. Angeblich hat sie sogar dagegen interveniert, in die Nähe eines fragwürdigen Etablissements gerückt zu werden. Jedenfalls wurde der Spruch irgendwann modifiziert und der Nachtklub ins „Zentrum von Arsbeck“ verlegt. Was immer das sein mag.

Wenn Borussia Mönchengladbach heute gegen 1860 München spielt, wird man noch mal an die alten Geschichten denken. An Rolf Göttel, den Stadionsprecher mit dem niederrheinischen Hall in der Stimme, der vor dem Spiel „ein sportverbundenes Vergnügen“ wünschte. Man wird an große Siege denken wie das 7:1 gegen Inter Mailand von 1971, das später annulliert wurde. Man wird daran denken, weil Borussia Mönchengladbach heute nach 85 Jahren zum letzten Mal auf dem Bökelberg spielt.

Das Stadion ist die einzige Konstante, die aus der goldenen Vergangenheit der Borussia in ihre graue Gegenwart reicht. In einer Zeit, in der die Spieler zunehmend austauschbar geworden sind, haben die Gladbacher wenigstens noch ein unverwechselbares Stadion gehabt. In der nächsten Saison aber werden auch sie in einem jener Stadien spielen, die jetzt vornehmlich Arena heißen und in Wolfsburg so aussehen wie in Frankfurt, in Hamburg, in Schalke, in Duisburg.

In diesem Jahr ist der Bökelberg noch einmal der Star gewesen, eben kein Zweckbau aus Stahl, Beton und Steinen, den man einfach abreißen kann. Der Bökelberg ist ein Stück Heimat. Am schönsten ist er bei den Spielen am Abend gewesen, wenn man vom Hauptbahnhof kommt, die Eickener Höhe hinauf, dann die steilen Betontreppen zum Ostwall hochsteigt, das Brummen immer lauter wird – und man plötzlich aus dem Dunkel ins Licht tritt. Nur 61 Meter erhebt sich der so genannte Berg über den Meeresspiegel, doch wenn man von ganz unten gekommen ist und in Block 28 ganz oben steht, bekommt man eine Ahnung davon, dass der Name gar nicht so falsch ist. In keinem Stadion Deutschlands hat man einen schöneren Blick auf das Spielfeld.

Der Bökelberg ist alt und manchmal unkomfortabel, und gerade das ist das Schöne an ihm, weil man noch ein Gefühl davon bekommt, wie Fußball früher war. Seitdem feststeht, dass die Borussia ein neues Stadion baut, hat die Stadt in das alte nicht mehr investiert, als wirklich nötig war. Das offizielle Mönchengladbach hat sich ohnehin lange nicht mit den Borussen gemein gemacht, obwohl die Stadt niemals einen besseren Werbeträger hatte als Borussias Fußballer. Anfang der Achtzigerjahre hat Mönchengladbach lieber ein Museum für moderne Kunst gebaut, als den Bökelberg zu erweitern und zu modernisieren. Dem Museum vom Abteiberg ist es auf Dauer jedoch nicht besser ergangen als der Borussia vom Bökelberg. Mitte der Neunziger musste es nach langem Transferstreit eine seiner Attraktionen, die Fettklötze von Beuys, an den Hamburger Bahnhof in Berlin abtreten. Kurz darauf wechselte Sebastian Deisler zu Hertha BSC.

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