Sport : Das System Nowitzki

Wie die deutschen Basketballer heute bei der EM gegen Italien bestehen wollen

Benedikt Voigt

Berlin - Vor einigen Wochen hat Basketball-Star Dirk Nowitzki eine Schwäche offenbart. „Das eine System habe ich immer noch nicht so ganz durchschaut“, sagte der 27-Jährige und grinste den neben ihm sitzenden Trainer Dirk Bauermann an. Der Bundestrainer, der sich für seinen wichtigsten Spieler eine eigene Taktik ausgedacht hatte, nahm diese Nachricht äußerlich gefasst entgegen. Allerdings hat er später im Training darauf reagiert. Nun sagt Dirk Bauermann: „Sie können sicher sein, dass Dirk Nowitzki alle unsere Systeme kennt.“

Nun also kann der Ernstfall für die deutsche Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Serbien-Montenegro eintreten. Im ersten Spiel gegen den Olympiazweiten Italien (18 Uhr, live im DSF) geht es für das verletzungsgeplagte deutsche Team schon um den Gruppensieg. Nur dieser berechtigt zum direkten Einzug in das Viertelfinale, in dem das deutsche Team unter die besten sechs Teams kommen will. Landet es in der Gruppe A mit Italien, Ukraine und Russland auf Rang zwei oder drei, muss es ein schwieriges Überkreuzspiel am Dienstagabend gegen Kroatien, Litauen oder die Türkei bestreiten. Vor zwei Jahren bei der EM in Schweden war in dieser Phase bereits Endstation, das deutsche Team unterlag Italien 84:86. Überhaupt haben Deutschlands Basketballer in 15 Versuchen nie bei einer Europameisterschaft gegen Italien gewinnen können. Vielleicht sagt der Bundestrainer deshalb: „Man kann auch ins Halbfinale kommen, wenn man das erste Spiel verliert.“

Viel wird heute davon abhängen, wie gut das Team Bauermanns taktisches Konzept umsetzt. Bei einer Trainertagung vor einigen Wochen in Braunschweig hat es der Bundestrainer vorgestellt. Bemerkenswert ist dabei, dass er Nowitzki mehr als üblich in den Mittelpunkt stellt. Normalerweise dirigieren im Basketball die Aufbauspieler die Spielzüge. Im Nationaltrikot erledigt der Power Forward Nowitzki diese Aufgabe, indem er an der Freiwurflinie mit seiner ersten Aktion – eine Bewegung in Richtung Korb oder hinter die Dreipunktelinie – bestimmt, wie es weitergeht.

Trotzdem hängt das Schicksal des deutschen Teams nicht von Nowitzki ab. „Wir dürfen unser System nicht zu sehr auf ihn ausrichten, er wird so oder so seine Leistung abrufen“, sagt Bauermann. „Wichtig ist, ob die anderen die Räume nutzen können, die er ihnen verschafft.“ Da Nowitzki meistens von zwei bis drei Gegnern verteidigt wird, haben seine Mitspieler im Angriff oft ungewohnt viel Platz. Damit diese schnell ins Spiel finden und Selbstvertrauen bekommen, hat Bauermann angeordnet, dass anfangs möglichst jeder deutsche Spieler den Ball in den Händen halten soll. „Es macht nichts, wenn Nowitzki nach dem ersten Viertel nur zwei Punkte hat, das zeigt nur, dass die anderen involviert sind“, sagt Bauermann.

So wird das Abschneiden von den anderen Leistungsträgern wie Patrick Femerling oder Pascal Roller abhängen. „Wir wissen, dass wir mit einem Ein-Mann-Betrieb in Belgrad nichts erreichen“, sagt Nowitzki. Eigentlich sollte er von Ademola Okulaja in der Offensive unterstützt werden. Doch nun fehlt der Flügelspieler verletzt. „Jetzt müssen die anderen mehr punkten“, sagt Bauermann. In der Vorbereitung hat sich keiner für die Rolle als zweiter Scorer aufgedrängt. Und der Aufbaubereich bleibt problematisch. Zuletzt spielte Roller verbessert, doch der zweite Spielmacher Mithat Demirel ist angeschlagen. Gelegentlich verrichtet der 2,13 Meter große Nowitzki diese Aufgabe auch noch selber. Die Abhängigkeit von ihm ist immer noch groß.

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