Sport : Das System Poss

Eishockey-Bundestrainer spielt mit hohem Risiko

Claus Vetter

Berlin - Greg Poss kann seine Gefühle verbergen. Wenn ein Spiel vorbei ist, wirkt der neue Eishockey-Bundestrainer, der zuvor an der Bande gestenreich mit seiner Mannschaft mitgelitten hat, besonnen. Auch nach Niederlagen, von denen der 39 Jahre alte US-Amerikaner nach Amtsbeginn sieben in Serie erlebte, sagt er in gutem Deutsch Dinge wie „wir haben gut gespielt“ und „bis auf das Ergebnis können wir zufrieden sein“, weil „wir auf dem richtigen Weg sind“. Ein Weg, der richtig sein mag. Ein Weg, bei dem aber niemand weiß, wann genau er zum Ziel führt. Also ein Weg, der risikoreich ist.

Zitate nach Niederlagen musste Poss beim Turnier in Budapest vergangenes Wochenende zweimal abgeben: Nach dem 1:2 gegen die Slowakei und nach dem 1:4 gegen Kanada. Erst nach dem Spiel gegen Ungarn (4:3) lag sein erster Erfolg als Bundestrainer hinter ihm. Poss sagte: „Alles war positiv. Das Ergebnis, wie wir gespielt haben und wie Kölzig gehalten hat. Wenn wir vier Tore schießen, gewinnen wir mit Olaf immer.“

Poss hat vermutlich Recht: Kölzig, der die Pause in der nordamerikanischen Profiliga NHL in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) bei den Berliner Eisbären überbrückt, ist einer der besten Torhüter überhaupt. Auch wenn er sein Tor verlässt, um den Puck nach vorn zu spielen. Das muss Kölzig im System von Poss oft machen – so unorthodox, wie die Deutschen unter dem neuen Bundestrainer bisher in der Abwehr spielen. Da wird das Spielobjekt nach vorne gedroschen, wann immer es nur geht oder auch nicht geht. Fehlpässe gab es in Budapest zu viel und neben den Stürmern, die aus den Chancen zu wenig machten, fielen die Verteidiger durch Schussschwäche an der gegnerischen Blauen Linie auf. Sicher, bei der Weltmeisterschaft in Wien im Mai werden einige der getesteten Verteidiger die deutschen Spiele vorm Fernseher verfolgen. Weil vermutlich die in Nordamerika engagierten Profis wie Christian Ehrhoff, Denis Seidenberg und Chistoph Schubert oder der zurzeit verletzte Jan Benda (Severstal/Russland) als Verstärkung kommen. Allerdings werden diese Spieler in ein System hineinrutschen, das sie nicht ausprobieren konnten.

Da liegt das Problem von Greg Poss. Seine Ideen scheinen gut zu sein, bringen sie doch gute Gegner – zuletzt die Slowakei – in Schwierigkeiten. Das ist ein Fortschritt, der sich aber erst zuverlässig in Ergebnissen niederschlagen wird, wenn die Fehlerquote im deutschen Spiel niedriger wird. Und so etwas lässt sich nur durch viel Training einstudieren. Was beim Nationalteam angesichts nur noch weniger Vorbereitungsspiele vor der WM schwer ist. Der Bundestrainer spielt also mit seinen Innovationen ein hohes Risiko. Zumindest, was die WM im Mai betrifft.

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