Sport : Das System stürzt ein

Nach Berlusconis Abgang kommt in Italien ein Fußballskandal ans Licht

Paul Kreiner[Rom]

Es ist, als bräche mit der Regierung von Minister- und Milan-Präsident Silvio Berlusconi auch der italienische Profifußball zusammen. Und manche sagen, das komme nicht von ungefähr. Hat nicht die Regierung ihre schützende Hand über die beiden Spitzenligen gehalten, als sich Vereine dort mit gefälschten Bürgschaften den Klassenerhalt sicherten? Hat sie nicht, in trautem Einvernehmen mit dem von Franco Carraro geführten Fußballverband, Gesetze und Spielpläne geändert, um die Halblegalitäten der Vereine zu legitimieren und sich das Wohlwollen der Tifosi zu erkaufen? Und hat Berlusconis TV-Konzern Mediaset nicht die immer gleichen Spitzenvereine auf Kosten der kleineren mit aberwitzigen Zuwendungen für die TV-Rechte korrumpiert?

Jetzt, da Berlusconi aus dem Amt gewählt ist, stürzt dieses System ein. Und zwar von oben. Juventus Turin marschiert geradewegs auf seinen 29. Meistertitel zu – und Sportdirektor Luciano Moggi wird überführt, sich telefonisch die jeweils passenden Schiedsrichter bestellt zu haben. In Italiens Zeitungen sind die Abhörprotokolle zu lesen. Mehr als das: Moggi hat wohl auch seinem Sohn Alessandro zugearbeitet, der mit seiner Firma GEA die größte italienische Spielervermittlung betreibt. Etwa 200 Profifußballer hat GEA unter Vertrag. „Mit unlauterem Wettbewerb, mit Drohungen und Gewalt“, so die Staatsanwaltschaft, soll er versucht haben, weitere Spieler seinem Imperium einzuverleiben.

GEA ist ein Paradebeispiel für die römische Klüngelwirtschaft. Mitgemischt haben der skandalumwitterte Chef der Banca di Roma, Cesare Geronzi, sowie Abkömmlinge der Firmenpatrone Cragnotti und Tanzi, die in Italiens größten Wirtschaftsskandalen zu unrühmlicher Bekanntheit geraten sind: bei der Pleite des Milchriesen Parmalat und des Konservenkonzerns Cirio. Den Cragnottis und den Tanzis gehörten natürlich auch zwei italienische Spitzenklubs: Lazio und Parma. Und zu den beherrschenden Aktionären von Geronzis Banca di Roma zählen heute Berlusconis Konzern Fininvest, sowie der Erdöl-Magnat Massimo Moratti, der Eigentümer von Inter Mailand. Ihrerseits herrscht die Banca di Roma über die Geschäftsbank Medio Credito Centrale (MCC), und diese wiederum wird geführt von Franco Carraro – dem Präsidenten des Italienischen Fußballverbandes. Zu seinen Kunden zählen auch Fußballklubs. Die Frage allerdings, ob der Verbandspräsident gleichzeitig Herr über die Kreditlinien seiner Vereine sein kann, hat kaum Kopfzerbrechen bereitet in einem Land, in dem der Regierungschef selbst ein fleischgewordener Interessenkonflikt war.

„Fußballseitig“ war also Carraro der Ausdruck dieses vielfach ineinander verschränkten italienischen Systems. Am späten Montagabend hat er das Handtuch geworfen, wenn auch nur als Verbandschef, nicht als Bankdirektor. „Schwerwiegend und schmerzlich“ sei die Affäre, die da aus den Akten der Staatsanwaltschaft deutlich werde, schreibt Carraro. Verschraubt begründete er seinen Rücktritt, und aufmerksame Zeitungskommentatoren haben bereits angemerkt, dass in Carraros Begründung das Wort „unwiderruflich“ fehlt.

Indes: Nachgeweint hat ihm noch keiner. Der Fußballverband bekundet Carraro „Respekt“; aus der Politik kommt ein „besser spät als nie!“ Nur Berlusconi hat sich bisher der Stimme enthalten. Und mancher glaubt bereits, nun sei der Weg frei für eine gründliche, wahre Reinigung des italienischen Fußballs. Mancher.

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