Sport : Das Tagebuch zur Tour

War Otto Rehhagel ein Provinzfürst? Und darf man das in Bremen so sagen? Solche und ähnliche Fragen stellen wir uns auf Lesereise durch Deutschland

Philipp Köster

16. September: JENA, KASSABLANCA

Einmal im Jahr gehen wir, also der Kollege Jens Kirschneck und ich, auf Lesereise. Wir tragen lustige Texte aus dem 11-Freunde-Magazin vor und zeigen zur Erholung von den Texten zwischendurch lustige Fußballfilmchen. Etwa wie ein österreichischer Sanitäter durch groteskes Jonglieren mit der Bahre vergeblich versucht, einen Spieler vom Platz zu tragen. Und wie Ronaldinho es geschafft hat, vier Mal hintereinander den Ball an die Latte zu schießen. In Jena klappt alles aber noch nicht so richtig prima. Erstens ist unser Kernpublikum in Essen, um dort den FC Carl Zeiss in der Zweitligapartie gegen RWE zu unterstützen. Und zweitens kommen wir, um in der Fußballersprache zu bleiben, noch nicht richtig ins Spiel, „wir verschieben noch nicht richtig“ (Jürgen Klopp). Fatal, dass ausgerechnet zum Tourauftakt meine Mutter im Publikum sitzt. Die kommt gleich nach dem Auftritt in die Künstlergarderobe gestiefelt, hält sich nicht lange mit Formalitäten wie der Begrüßung des Sohnes auf, sondern kommt gleich mit strenger Stimme zur Sache: „Philipp, Du kannst nicht auf deinem Computer herumtippen, während der Jens liest. Das ist unhöflich!“ Kirschneck, die Schlange, nickt beifällig.

17. September: BREMEN, TOWER

Darf man, wenn man in Bremen liest, den langjährigen Bremer Coach Otto Rehhagel einen „Provinzfürsten“ nennen? Man darf eigentlich nicht, der Bremer reagiert nämlich auf die Abwertung seiner Heimatstadt schnell rauchig. Wir wagen es dennoch und kassieren ein Hohoho-Lachen, das sonst nur zu hören ist, wenn Bruno Jonas im Scheibenwischer einen politisch unkorrekten Witz erlaubt hat. Aber der Bremer verzeiht auch gerne und lacht besonders herzlich über die Geschichte des Ex-Bremers Wolfgang Sidka, der sich als Bielefelder Coach so wenig im Kader auskannte, dass er einen Betreuer zum Üben ans Kopfballpendel schickte.

18. September: BIELEFELD, FORUM

Normalerweise ist der Ostwestfale ein eher störrischer Geselle. Er redet nicht viel, und wenn Fremde in Bielefeld, Gütersloh oder Löhne nach dem Weg fragen, werden sie aus purer Routine in die falsche Richtung geschickt. An diesem Abend ist jedoch alles anders, Bielefeld entdeckt sein südländisches Temperament, was allerdings hauptsächlich daran liegt, dass am Tag vorher die Münchner Bayern auf der Alm filetiert worden sind. Wir können also nicht viel falsch machen, müssen nur in unregelmäßigen Abständen die Namen der Torschützen in den Raum blöken, schon antwortet uns ein Jubelschrei. Kamper! Wichniarek! Kamper! Immer wieder. Tolle Lesung.

19. September: KREFELD, KULTURFABRIK

Manche Fehler sind nicht wiedergutzumachen. Als Kollege Kirschneck um exakt 21.52 Uhr vor voll besetztem Haus in Krefeld ein klein wenig fahrig und mit den Gedanken schon in Karlsruhe von „KSC Uerdingen, oder wie heißt das hier“ spricht, schaut das Publikum trotz aller Sympathie ein wenig indigniert. Mit blutendem Herzen schreibt uns der Krefelder Leser Tobias Böckmann am nächsten Morgen eine Mail: „Die Lesung in Krefeld war ja ganz prima. Der Versprecher ,KSC Uerdingen’ ist aber unverzeihlich. Punkt. Wenn ich ein Abo hätte, würde ich es kündigen müssen. Als KFC-Anhänger schmerzt er mich doppelt, da neben die Aufregung über den Fehler die Erkenntnis tritt, dass die Bedeutung des KFC heute so weit geschwunden ist, dass solche Verwechslungen überhaupt möglich sind.“ Kirschneck ist bußfertig und will am nächsten Abend den Karlsruher SC einfach „KFC“ nennen.

20. September: KARLSRUHE, JUBEZ

In Karlsruhe drängeln sich die Zuschauer, beim aktuellen Zweitligatabellenführer ist man heiß auf Fußball, selbst wenn er in vorgelesener Form daherkommt. Warmherziger Beifall geleitet uns durch den Abend. Der ergreifendste Moment wartet allerdings nach der Show: Als wir unsere Kisten im Tourbus verpackt haben, lugt nämlich ein Bettler um die Vordertür. Er trägt ein Juventus-Turin-Trikot und fragt nach einer kleinen Zuwendung für die Straßenbahn, wahlweise Alkohol. Wir geben einen Euro, was den guten Mann ein wenig irritiert. Um die Gesprächspause zu überbrücken, sagen wir diplomatisch: „Juventus geht es gerade ja auch nicht so gut.“ Da huscht ein Lächeln über das Gesicht unseres Gegenübers, und er sagt in breitem Badisch: „Wer komme wedder hoch!“ Wir hoffen das sehr. Für beide.

21. September: KÖLN, GEBÄUDE 9

Manuel Andrack ist Sidekick in der Harald-Schmidt-Show, außerdem ein leidenschaftlicher Anhänger des 1.FC Köln. Dafür kann er nichts und darf deshalb mit auf die Bühne. Dort referiert er dann seine letzte Busfahrt mit dem FC nach Jena („Kurz hinter der Grenze halten wir an einem Rastplatz bei Eisenach“) und ist begeistert von den Schlachtgesängen der Kölner Ultras. Einer hat es ihm besonders angetan: „Ein Leben lang, dieselbe Unterhose an!“ Das hat zwar nur sehr mittelbar etwas mit Fußball zu tun, das Publikum amüsiert sich trotzdem. Schnell begreifen wir auch das eherne Kölner Fußballgesetz: Die zweite Liga ist nur Durchgangsstation zur Champions League. Um ein Uhr nachts steigt Andrack ein wenig unsicher auf sein Rad und verschwindet in der Kölner Nacht, singend: „Mein Leben lang ...“

22. September: AUGSBURG, KEROSIN

(bei Redaktionsschluss noch nicht beendet) Heute lesen wir in Augsburg, neuerdings Zweitligastadt. Hoffentlich wird es so nett wie im letzten Jahr. Da stand die halbe FCA-Geschäftsstelle am Tresen und bestellte im Minutentakt, allen voran Geschäftsführer Markus Krapf, ein lustiger Mann mit großem Telefonbuch. Kaum hatten wir unseren Auftritt beendet, stürzte Krapf auf uns zu und kündigte mit gezücktem Mobiltelefon an, er werde nun Ernst Middendorp anrufen. Aha. Middendorp, Trainer der Kaizer Chiefs in Südafrika, früher beim FCA und noch früher bei Arminia Bielefeld. Das Übersee-Telefonat schreckte Krapf nicht ab, mindestens 30 Mal wurde an diesem Abend in Südafrika angerufen, vergeblich, Middendorp hatte Besseres zu tun. Auch diesmal werden wir sicher wieder bei ihm durchklingeln und ihm was auf die Mailbox singen. Wir hätten da ein nettes Liedchen der Kölner Ultras ...

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