Sport : Das Team zum Film

Wie die Anaheim Mighty Ducks zum erfolgreichsten Eishockeyklub der NHL wurden

Claus Vetter

Berlin. Es ist ein Märchen, und daher findet es auch am rechten Ort statt. Dort, wo es niemals friert, zwischen San Diego und Los Angeles, im Schönwetterstaat Kalifornien, boomt die Sportart Eishockey. Warum auch nicht? Die größte Dichte an Eishallen gibt es im auch nicht gerade von Kälte geplagten Texas und das erfolgreichste Eishockey wird in Kalifornien gespielt, von den Anaheim Mighty Ducks. Ab Dienstag spielt der Klub mitten im Sommer erstmals in seiner zehnjährigen Geschichte im Finale um den Stanley Cup, die Trophäe in der nordamerikanischen Profiliga NHL. Gegner sind die New Jersey Devils.

Die Finalteilnahme ist der vorläufige Höhepunkt eines Abenteuers, wie sie es wohl nur in Hollywood hinbekommen. Die Mighty Ducks sind sozusagen das Team zum Film. 1992 brachte Walt Disney sein erstes Kinostück über eine Truppe halbwüchsiger Eishockeyspieler auf den Markt. Das Team spielt sich durch eine niedliche bis hanebüchene Story. So wie sich das für Walt Disney gehört, jugendfrei ab sechs und mit Happyend. Der Film war so erfolgreich, dass er noch zwei Fortsetzungen bekam.

Nun war es so, dass die National Hockey League Anfang der Neunzigerjahre auf der Suche nach neuen, attraktiven Märkten war, weil sich in den traditionellen, meist kanadischen Standorten des nordamerikanischen Eishockeys zu wenig verdienen ließ. Die Los Angeles Kings hatten durch Superstar Wayne Gretzky bereits einen Boom erfahren, seit 1991 hatten die San Jose Sharks als zweites Team aus Kalifornien in der NHL einen unglaublichen Erfolg – in finanzieller Hinsicht: Das Klublogo mit dem Hai wurde zum populärsten der Liga, die Sharks verkauften mehr Devotionalien als jeder andere Klub. Hier wurde es für Walt Disney interessant: Das Logo der Kinomannschaft, eine Ente mit zwei Schlägern im Schnabel, war den Kids durch die drei erfolgreichen Filme schon bekannt. 1993 kaufte Walt Disney eine Lizenz für die auf 30 Klubs expandierende NHL. Natürlich meldeten sich Puristen. „Mächtige Enten“ aus einem Kinderfilm in der besten Eishockey-Liga der Welt? „In Kanada haben sich die Leute maßlos aufgeregt“, erinnert sich Pierre Pagé. Der Trainer des EHC Eisbären Berlin betreute Anaheim von 1997 bis 1998.

Damals war der Klub finanziell schon am Ziel, denn die Verkaufszahlen im Merchandising und Zuschauerzuspruch in der über 17 000 Besucher fassenden Arena, dem Anaheim Pond, übertrafen alle Erwartungen. Nur auf dem Eis wurde meist verloren. Trainer Ron Wilson hatte die Ducks 1997 in die Play-offs geführt, doch in der zweiten Runde war Schluss. Pagé wurde geholt, um mit jungen Spielern Aufbauarbeit zu betreiben und hatte auch keinen Erfolg. „Drei Spieler bekamen insgesamt 22,5 Millionen Dollar an Gehalt“, erinnert sich der Frankokanadier, „da war zu wenig im Budget übrig, um die Breite im Team zu schaffen.“ Aus diesem Fehler haben sie gelernt. Anaheims Superstar Paul Kariya ist zwar mit über zehn Millionen Dollar Jahressalär immer noch Großverdiener, doch vor dieser Saison wurde das Budget für die Spielergehälter von Walt Disney erhöht. Statt 32 werden im Team nun 45 Millionen Dollar verdient. Der neue Coach Bryan Murray wurde nach der Vorsaison Generalmanager und hatte sich bei Disney für mehr Geld stark gemacht. Das war einfach, denn der Klubeigner hatte Gefallen am sportlichen Erfolg gefunden. Disneys Baseballklub Anaheim Angels hatte den Titel in der amerikanischen Baseball-Liga MLB gewonnen. Für 180 Millionen Dollar konnte Walt Disney den Klub gewinnträchtig an einen Geschäftsmann aus Phoenix verkaufen. Die Konzentration galt im Unternehmen von nun an den Ducks. Nach guter Vorrunde erreichte das Team von Coach Mike Babcock in den Play-offs bei nur zwei Niederlagen in 14 Spielen das Finale. Ein Erfolg, der vor allem an Torhüter Jean-Sebastian Giguere festgemacht wird. Er blieb zwischenzeitlich 217 Minuten ohne Gegentor. Vor der Saison kannte kaum jemand Giguere, nun war er bei der in den USA so beliebten TV-Show von Jay Leno zu Gast.

Das Märchen ist für die Enten aus Anaheim noch nicht beendet, weil ja noch das NHL-Finale ansteht. „Wir haben doch noch gar nichts gewonnen“, sagt Stürmer Kariya. Doch wenn die Spieler tatsächlich den Stanley Cup gewinnen sollten, wird sich der Eigner gewohnt großzügig zeigen. Seit Jahren schon wird Disneyland in Anaheim an drei Tagen im Jahr für die Öffentlichkeit geschlossen, damit sich die Spieler mit ihren Familien und Fans ungestört in dem gigantischen Freizeitpark amüsieren können. „Ich habe immer gesagt, dass sich in Anaheim der Stanley Cup einfacher gewinnen lässt als anderswo“, sagt Ex-Trainer Pagé. „Die Fans sind klasse, die Halle ist auf Jahre ausverkauft“, sagt Pagé. „Anaheim ist eben der perfekte Ort zum Leben – mal abgesehen von Erdbeben , Waldbränden und dem starken Autoverkehr.“

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