Sport : Das Thema Nummer eins

Jens Lehmann streitet mal wieder mit Oliver Kahn

Michael Rosentritt

Wien - Oliver Kahn und Jens Lehmann, die Torhüter der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, haben nicht viele Gemeinsamkeiten. Nach dem Länderspiel gegen Österreich aber werden sie so ziemlich das Gleiche gedacht haben. Beide durften je eine Halbzeit spielen. Der eine, Kahn, ist unter dem neuen Bundestrainer Jürgen Klinsmann nicht mehr uneingeschränkt gesetzt. Der andere, Lehmann, ist an Kahn noch nicht uneingeschränkt vorbeigekommen. Während der 35-Jährige vom FC Bayern nach dem Spiel gar nichts sagte, quasselte der Torwart vom FC Arsenal drauf los. „Ich habe von etwas anderem geträumt, als mit 34 Jahren gegen Österreich eingewechselt zu werden“, sagte Lehmann. Wahrscheinlich hat er davon geträumt, in drei Wochen gegen Brasilien von Anfang an zu spielen. Doch das will auch Kahn.

Bisweilen leben Kahn und Lehmann ihre Antipathie offen aus. Getrieben vom Ehrgeiz und vom Alter. Viel Zeit und viele große Turniere bleiben beiden nicht. Und von hinten drängt der junge Timo Hildebrand nach, der Torwart des VfB Stuttgart. Dem 25-Jährigen trauen die Experten am ehesten zu, die Nachfolge Kahns anzutreten. Zum Freundschaftsspiel gegen Österreich nahm Klinsmann alle drei Kandidaten mit, für gewöhnlich sind es bei solchen Spielen nur zwei Torhüter. „Ich will sehen, wie die Chemie untereinander ist“, hatte Klinsmann gesagt.

Der neue Bundestrainer wollte eine Rotation auf dieser Position einführen. Das ist gewagt, aber als erster Schritt dafür zu deuten, dass Kahn nicht mehr unumstrittene Nummer eins ist. Der zweite folgte, als er Michael Ballack zum Kapitän ernannte. Klinsmann hat schnell erkannt, dass Ballack der Kopf der Mannschaft ist. Vielleicht hat er auch gespürt, dass Kahn nicht mehr leicht vermittelbar ist in der Nationalmannschaft: „Oliver will Weltmeister werden. Das ist sein Ziel. Aber er hat Verständnis dafür, dass auch mal Jens oder Timo spielen.“ Das aber ist nur der kleinere Teil der Wahrheit. Kahn wird sich damit nicht abfinden. Genauso wenig wie Lehmann: „Ich bin sehr unzufrieden mit der Situation, weil ich gedacht habe, dass nach der EM ich jetzt mal spiele.“

Man kann sogar den Eindruck gewinnen, dass Klinsmann das Problem gar nicht unrecht kommt. Vielleicht nur ein wenig zu früh im Hinblick auf die WM in zwei Jahren. Kahn sagte vor dem Spiel, in einem halben Jahr sei sowieso klar, wer im Tor stünde, und ließ keinen Zweifel daran, dass er es ist. Auch Lehmann gibt sich siegesgewiss. „Ich muss nicht jetzt auf dem Papier haben: Hey, Lehmann, du bist die Nummer eins. Was soll sich der Trainer jetzt festlegen, was in zwei Jahren ist.“ Wer so redet, erhöht seine Chancen nicht. Möglicherweise erleichtert es der Streit Klinsmann, sich für die konsequenteste aller Lösungen zu entscheiden. Jens Lehmann und Oliver Kahn sind auf dem besten Wege, sich gemeinsam aus dem Team zu kegeln.

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