Sport : Das Tor zur Welt

Tim Wiese will in die Nationalelf – doch zuvor muss er in Bremen Andreas Reinke verdrängen

Steffen Hudemann[Bremen]

Die erste schwere Aufgabe erwartete Tim Wiese gleich zu Beginn. Der SV Werder Bremen hatte zur offiziellen Vorstellung der neuen Spieler geladen und zu diesem Zweck auch eine Mappe ausgeteilt, die allerlei Wissenswertes über die hinzugekommenen Profis des Fußball-Bundesligisten enthielt. Neben den sportlichen Eckdaten waren darin auch die Hobbys aufgelistet. So konnte man erfahren, dass Torsten Frings gern Motorrad fährt, Leon Andreasen Golf spielt und Patrick Owomoyela Musik mag. Nur bei Tim Wiese stand in der Rubrik Hobbys: „Fußball“.

Der 23 Jahre alte Torhüter gilt wegen seiner Vorlieben für Sonnenstudios und Gelfrisuren bei vielen Fans nicht als Intellektueller, weshalb der Verdacht, er habe gar keine Hobbys außer Fußball, Heiterkeit auslöste. Doch Wiese löste die etwas peinliche Situation elegant. Erst fasste er den Alltag eines Fußballprofis in einem schlichten Satz zusammen („Wenn ich arbeite, spiele ich Fußball, wenn ich nicht arbeite, spiele ich nicht Fußball“), dann unterhielt er die Anwesenden mit langen Ausführungen über seine Hubschrauberflüge. Wobei sich erst am Ende herausstellte, dass er von Modellhubschraubern redete.

Tim Wiese gehört zu jenen jungen Spielern, die zwar nicht mit Eloquenz glänzen, sich aber dennoch höchst charmant und unterhaltsam präsentieren können. Er ist so etwas wie der Lukas Podolski im Tor – nicht nur wegen der ähnlichen Sprachfärbung. Im Gegensatz zu dem drei Jahre jüngeren Stürmer vom 1. FC Köln ist der Weg ins Nationalteam für Tim Wiese aber noch weit. Er gilt als einer der möglichen Kandidaten für den Platz im Tor nach der WM 2006. Wiese selbst macht gar kein Geheimnis daraus, dass er sich als Oliver Kahns Nachfolger betrachtet.

Das Selbstbewusstsein und den Ehrgeiz für eine große Karriere hat er. Doch bevor Tim Wiese die Nummer eins im Nationaltrikot werden kann, muss er sich erst einmal in Bremen durchsetzen. Denn Trainer Thomas Schaaf hat im Tor einen Konkurrenzkampf nach Klinsmann’schem Vorbild ausgerufen, an dessen Ende entweder Andreas Reinke oder Tim Wiese auf der Bank Platz nehmen muss. Wenn Schaaf seine Ankündigung wahr macht, dann könnte es für Wiese zunächst eng werden. Denn der 36-jährige Reinke blieb im Testspiel gegen Partizan Belgrad (3:1) und im Ligapokal gegen Bayer Leverkusen (1:0) fehlerlos. „Nun muss sich Tim Wiese beweisen“, sagt Schaaf. Im heutigen Ligapokal-Halbfinale bei Schalke 04 (20.30 Uhr, live bei Premiere) wird er seine Chance bekommen.

Der Wechsel vom Abstiegskandidaten Kaiserslautern zum Spitzenklub Bremen ist für Wiese ein zwangsläufiger Karriereschritt. Drei Jahre lang war er Stammtorhüter in Kaiserslautern. Er hat bereits 65 Bundesligaspiele bestritten, erstaunlich viele für einen Torwart in seinem Alter. „Ich bin nicht gekommen, um hier auf der Bank zu sitzen“, sagt Wiese. Über seinen derzeit starken Konkurrenten Reinke sagt er: „Der hat bislang auch Glück gehabt.“

Vor einem guten halben Jahr war Tim Wiese bereits auf dem Weg in die Nationalelf. Er sollte als dritter Torwart mit der Mannschaft von Jürgen Klinsmann auf die Asienreise gehen. Doch dann verletzte er sich im November im Bundesligaspiel gegen Freiburg: Wiese riss sich das Kreuzband, konnte ein halbes Jahr nicht trainieren. Nun ist er wieder fit und muss sich bei seinem neuen Klub herankämpfen.

Dass Reinke, seit zwei Jahren Stammtorwart bei den Bremern, die Nummer „1“ auf dem Trikot behalten durfte, der Herausforderer hingegen die „18“ bekam, sagt für die Zukunft nicht viel aus. Im Gegenteil: Tim Wiese dürfte langfristig die besseren Chancen haben. Reinke wird wohl noch zwei Jahre spielen und danach möglicherweise eine andere Aufgabe im Verein übernehmen. Wiese dagegen hat noch das Potenzial, sich zu verbessern.

Ein wenig ungewohnte Farbe hat der Neue schon in den Klub gebracht. Der Ausrüster hat Wiese ein rosafarbenes Torwarttrikot verpasst. Der war davon nicht begeistert. „Aber die Jugend trägt das heute wohl so“, sagt Tim Wiese. Er zählt sich selbst offenbar nicht mehr dazu.

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