Sport : Das Trauma lebt

Schalke wird wieder mal in letzter Minute von den Bayern überholt und fühlt sich an 2001 erinnert

Richard Leipold[Gelsenkirchen]

Vier Minuten vor Schluss – war da nicht mal etwas? Auf der Suche nach besonderer Dramatik versuchte so mancher in Gelsenkirchen eine Parallele zum Mai 2001 zu konstruieren. Damals hatten die Schalker sich am letzten Spieltag viereinhalb Minuten lang als Deutscher Meister gefühlt, ehe den Bayern in Hamburg noch ein Tor gelang, das Schalke zum Meister der Herzen degradierte. Und nun das: Letzter Hinrundenspieltag der Saison 2004/05, und wieder schlugen die Bayern in einem Fernduell mit Schalke spät, aber gerade noch rechtzeitig zurück.

Schalke lag vor gut 60 000 Zuschauern planmäßig 1:0 gegen den SC Freiburg in Führung; die Bayern gerieten daheim gegen Stuttgart – völlig außerplanmäßig – 0:2 in Rückstand. Als aus München die Treffer des VfB vermeldet wurden, waren die Torschreie der Schalker Fans ebenso laut wie beim einzigen eigenen Treffer, den Verteidiger Mladen Krstajic mit einem Kopfball in der 24. Minute erzielt hatte. Was sollte noch geschehen? Die Freiburger trauten sich fast eine Stunde lang nicht, auf das gegnerische Tor zu schießen. Anfangs schien es, als wollten sie – nach dem 0:6 zuletzt gegen Werder Bremen – nur ein weiteres Debakel vermeiden. Gut eine Stunde lang waren die Handlungsstränge in Gelsenkirchen und München auf einen Führungswechsel an der Tabellenspitze hinausgelaufen.

Doch der Schein trog, in Gelsenkirchen wie in München. Auf beiden Schauplätzen fiel noch der Ausgleich, und die Bayern lagen dank der besseren Tordifferenz wieder vorn. Als die Schalker im 32. Pflichtspiel dieses Halbjahres fahrig eine gute Chance nach der anderen vergaben, fassten die Freiburger in der zweiten Hälfte den Mut, mehr anzustreben als eine knappe Niederlage. Dem Freiburger Mittelfeldspieler Roda Antar gelang vier Minuten vor dem Schlusspfiff noch das Tor zum 1:1.

Natürlich durften, ja mussten die Fußballspieler des FC Schalke 04 enttäuscht sein – aber nur für zwei Stunden. So jedenfalls hatte es ihr Cheftrainer Ralf Rangnick angeordnet. Für eine stille Nacht bei der Weihnachtsfeier nach dem letzten Spiel des Kalenderjahres sah er keinen Grund.

„Das ist das so genannte Bayern-Glück, das haben sie sich über Jahrzehnte erarbeitet. Die glauben immer daran, dass sie in der neunzigsten Minute noch ein Tor erzielen, das ist bei denen in den Köpfen drin, wir müssen das erst lernen“, sagte Manager Rudi Assauer. Nicht nur, dass die Schalker dem Pseudotitel eines Halbzeitmeisters keine Bedeutung beimessen: Trainer Rangnick und Manager Assauer wollten sogar glauben machen, unter gewissen Umständen auch den wahren Meistertitel entbehren zu können. Diese Ansicht hätten sie gern mit einer Unterschriftenaktion der besonderen Art besiegelt. Wenn garantiert wäre, dass Schalke auch am Ende der Saison Zweiter ist, also unmittelbar für die Champions League qualifiziert, würden sie „sofort unterschreiben“, sagt Assauer. „Dann wäre uns wurscht egal, wer Meister wird.“

Aber ein solches Angebot hat den Schalkern am Samstagabend niemand gemacht, und so gingen sie vielleicht doch ein wenig traurig nach Hause – auch wenn weder Assauer noch Rangnick das je zugegeben hätte.

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