Sport : Das Umkehrspiel

Wenn Hertha im Pokal beim VfB weiterkommen will, müssen die Berliner diesmal auch aufs Tor schießen

Michael Rosentritt

Berlin - Wie tief die Sehnsucht nach einem vorzeigbaren Titel bei Hertha BSC ist, verrät der eben so tiefe Griff von Dieter Hoeneß in die Weite des Psychologie. Sollte die Mannschaft den DFB-Pokal gewinnen, würde sie sich „unsterblich machen“, sagte der Manager. Das ist zwar maßlos übertrieben, lässt sich aber halbwegs aus der Geschichte des Berliner Bundesligisten erklären. Den letzten akzeptablen Titel, die Deutsche Meisterschaft, gewann Hertha in jenen Jahren, als der Boxer Max Schmeling erfolgreiche Weltmeisterschaftskämpfe in Übersee bestritt – das war in den Jahren 1930 und 1931.

Tatsächlich geht es heute Abend für Hertha in Stuttgart um den Einzug ins Pokal-Halbfinale. Die Berliner sind also nur noch drei Siege von einem Titelgewinn entfernt. Der Pokalerfolg würde nicht nur zwei Millionen Euro in die Kassen spülen, sondern wäre gut fürs Renommee. Außerdem ist der Pokalsieg mit der Teilnahme am Uefa-Cup verbunden. Der ist im Vergleich zur Champions League weder attraktiv noch lukrativ, aber man spielte wenigsten mit auf internationaler Bühne.

Im Pokalwettbewerb scheint es in diesem Jahr zu einem Novum zu kommen. Wer das Halbfinale erreicht, glaubt bereits so gut wie Pokalsieger zu sein, so, als würde in dieser Saison ein Klub kampflos zum Sieger erklärt werden. Funktionsträger aller im Viertelfinale teilnehmender Mannschaften vertraten die Ansicht, dass es noch nie so günstig sei, Pokalsieger zu werden. Die Annahme speiste sich jeweils aus dem Umstand, dass die so genannten Großen des nationalen Fußballs, der FC Bayern, Bundesliga-Tabellenführer Schalke 04 und Werder Bremen längst ausgeschieden sind.

Dabei Hertha BSC mit dem VfB Stuttgart hat den wohl stärksten Gegner zugelost bekommen. Das Bundesligaspiel an gleicher Stätte am vergangenen Freitag hat daran nichts geändert. Zwar hat Hertha gegen den Tabellenzweiten der Bundesliga kein Gegentor zugelassen, aber das auf Kosten der eigenen Siegchance. Die Berliner hatten sich im Gottlieb-Daimler-Stadion ein 0:0 ermauert. Gefühlt hat Hertha nicht ein einziges Mal auf des Gegners Tor geschossen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird man so im Pokalwettbewerb nicht weiterkommen. „Ich habe die Mannschaft auf alle Möglichkeiten eingestellt – auf ein Powerplay, eine Verlängerung oder auch ein Elfmeterschießen“, sagt Trainer Falko Götz. „Dafür haben wir auch den einen oder anderen Elfmeter geschossen im Training.“

Eine Rückkehr der beiden kreativen Mittelfeldspieler, Yildiray Bastürk und Kevin-Prince Boateng, ist ausgeschlossen. Lediglich Kapitän Arne Friedrich, der in der Bundesliga gegen den VfB Stuttgart gesperrt war, wird wieder seinen Platz in der Berliner Viererabwehrkette einnehmen. Der Nationalspieler ist zwar derzeit in einer stabilen Form, aber auch er ist nicht gerade dafür bekannt, das Offensivspiel der Berliner nachhaltig zu prägen. Ob dagegen Christian Gimenez als zweiter Stürmer neben Marko Pantelic ins Team rückt, ließ Götz offen. „Das Pokalspiel wird ein anderes Spiel, da herrscht eine ganz andere Atmosphäre“, sagt Manager Dieter Hoeneß. Das 0:0 in der Liga sei eine gute Grundlage, „allerdings müssen wir mehr für das Umkehrspiel tun“. Das letzte Training der Berliner gestern fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Eine ungewöhnliche Maßnahme.

Dieter Hoeneß hatte noch eine weitere parat. Wem die drohende Unsterblichkeit als Motivation nicht ausreichen sollte: Der Pokalsieg würde jeden Hertha-Spieler um einen hohen fünfstellig Eurobetrag reicher machen.

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