Sport : Das Unplanbare planen

Der 1. FC Nürnberg hat schon einen Nachfolger für Hans Meyer, der einmal seine Arbeit fortführen soll

Stefan Hermanns

Berlin - Auf dem freien Markt hätte Jürgen Raab vermutlich einige Schwierigkeiten, noch einmal eine Anstellung in leitender Position zu finden. Raab ist fast 50, er arbeitet schon seit einiger Zeit ausschließlich in der zweiten Reihe, und sein Lebenslauf verzeichnet bisher nur ein paar allenfalls drittklassige Unternehmen, bei denen er allein verantwortlich tätig war: den VfB Pößneck, Rot-Weiß Erfurt und Sachsen Leipzig. Trotzdem besitzt Raab glänzende Jobperspektiven. Er wird der neue Cheftrainer beim Fußball-Bundesligisten 1. FC Nürnberg. Die Frage ist nur: wann? Zurzeit ist der 47-Jährige nämlich noch in fester Stellung, als Kotrainer an der Seite von Hans Meyer beim – 1. FC Nürnberg. Doch Meyer besitzt einen Vertrag, der es ihm erlaubt, vom einen auf den anderen Tag aufzuhören. „Ich hoffe, dass er noch sehr, sehr lange bei uns bleibt“, sagt Nürnbergs Sportdirektor Martin Bader. Trotzdem will der Verein auf Meyers Abgang vorbereitet sein. Er will gewissermaßen das Unplanbare planen. Und deshalb hat der 1. FC Nürnberg bereits seine feste Absicht erklärt, Raab eines Tages zu Meyers Nachfolger zu befördern.

Es ist keine neue Erfindung, dass der Assistent den Chef beerbt. Jupp Heynckes folgte 1979 seinem Vorgesetzten Udo Lattek, nachdem er eine Saison lang bei Borussia Mönchengladbach dessen Zuarbeiter gewesen war, und wiederum acht Jahre später wurde Heynckes von seinem Assistenten Wolf Werner ersetzt. Joachim Löw stieg 1996 in Stuttgart vom Kotrainer zum Chef auf, genau wie in diesem Sommer bei der Nationalmannschaft, und auch Mirko Slomka ist bei Schalke 04 auf die gleiche Art in die Position des Cheftrainers aufgerückt.

Der Werdegang Slomkas ist inzwischen eher die Ausnahme denn die Regel. Die Form der direkten Nachfolgeregelung ist im deutschen Fußball etwas aus der Mode geraten, seitdem der Kotrainer immer mehr zum eigenständigen Beruf geworden ist. Dass ein Wechsel zwischen beiden Sparten schwierig ist, beweist Michael Henke. An der Seite von Ottmar Hitzfeld hat Henke einige Verdienste angehäuft, doch in eigenverantwortlicher Position ist er innerhalb nur eines Jahres zweimal entlassen worden: in Kaiserslautern und beim 1. FC Saarbrücken.

Slomkas Aufstieg bei Schalke ist gerade nicht zu vergleichen mit dem Plan der Nürnberger, Jürgen Raab zum Chef zu befördern. Er ist eher ein Beispiel für die Planlosigkeit der Bundesliga: Wenn gerade kein anderer Trainer zu bekommen ist, nehmen wir halt den Ko. In Nürnberg steckt mehr dahinter. Der Verein versucht gerade, eine übergreifende Philosophie zu entwickeln, die nicht bei der ersten Ergebniskrise wieder über den Haufen geworfen wird. „Die kann der Jürgen Raab einmal weiterverfolgen“, sagt Sportdirektor Bader. Praktischerweise ist die Philosophie des Vereins ziemlich deckungsgleich mit der Philosophie von Hans Meyer, und ebenso praktischerweise ist Raab, der in Jena unter Meyer gespielt hat, ein Teil dessen Systems. Die Nürnberger wollen verstärkt auf junge Spieler setzen, offensiv und aktiv auftreten. In der Nachwuchsausbildung soll vor allem das Fußballspielen gepflegt werden.

Dass so viel Weitsicht vielen Bundesligisten fremd ist, zeigt vor allem die Besetzung des Trainerpostens. Auf einen jungen Trainer folgt oft ein alter Hase, auf einen erfahrenen ein unverbrauchter, auf einen Offensivfanatiker ein Defensivfetischist. Selbst der FC Bayern hat dieses Gegenteilsprinzip zuletzt praktiziert, als der vermeintlich zu umgängliche Hitzfeld durch den Anti-Hitzfeld Felix Magath ersetzt wurde. Es ist auch kein Zufall, dass dem eher humorlosen Ewald Lienen immer joviale Typen wie Friedhelm Funkel oder Peter Neururer nachfolgen. Vermutlich hat es sich noch nicht herumgesprochen, dass diese Besetzungspolitik auf Dauer extrem kostspielig ist. Jeder Trainer mit einer neuen Philosophie braucht natürlich auch neue Spieler, die in seine Philosophie passen. Von daher ist es nur logisch, dass Borussia Mönchengladbach, der Verein mit dem größten Trainerverschleiß der jüngeren Vergangenheit, auch den höchsten Spielerdurchfluss hat. Aus der Mannschaft, die 2001 aufgestiegen ist, stand schon in der vorigen Saison kein Einziger mehr im Kader. Bei Hertha BSC, vier Jahre vor den Gladbachern in die Bundesliga zurückgekehrt, sind es noch drei.

Den Nürnbergern könnte so viel Veränderung erspart bleiben, wenn ihnen tatsächlich ein harmonischer Übergang von Hans Meyer zu Jürgen Raab gelingt. Doch Sportdirektor Martin Bader weiß auch, dass die schöne Theorie nicht immer für die Praxis taugt. „Wenn wir zehnmal verlieren, werde ich mir überlegen müssen, ob es nicht sinnvoll wäre, etwas ganz anderes zu probieren“, sagt er. „Momentan kann ich mir das schwer vorstellen.“

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