Sport : Das Urteil

Josef Franzl wird beim Traber-Derby in Mariendorf zum Sieger erklärt.

Heinko Lingk
Späte Freude. Traber Josef Franzl und sein Hengst Dream Magic BE profitierten beim Derby von der Disqualifikation der eigentlichen Sieger. Foto: Sorge
Späte Freude. Traber Josef Franzl und sein Hengst Dream Magic BE profitierten beim Derby von der Disqualifikation der eigentlichen...Foto: Frank Sorge

Berlin - Es war sein erster Derby-Triumph und zugleich einer der größten Glücksmomente in seinem Leben. Bei der anschließenden Siegerehrung im Mariendorfer Winnercircle benötigte Trabrennfahrer Josef Franzl jedoch einige Zeit, um die innerliche Anspannung und Zerrissenheit abzulegen und sich zu sammeln. Denn der aus dem bayrischen Sauerlach stammende Sportler hatte zuvor eine Zeit der Ungewissheit überstehen müssen.

Obwohl die zehn Teilnehmer des Derbys schon längst die Ziellinie passiert hatten, gab es nämlich zunächst keinen offiziellen Sieger. Während die 14 000 Zuschauer ungeduldig auf das endgültige Ergebnis warteten, wurden der Wettkampf und vor allem die letzten sechshundert Meter akribisch von der Mariendorfer Rennleitung analysiert. Über zwanzig Minuten lang nahm sich die Jury Zeit und schaute sich unzählige Male die Wiederholung des Zieleinlaufs des 117. Deutschen Traber-Derbys an, bevor sie ihr Urteil über Sieg und Niederlage in dem mit 258 695 Euro dotierten Rennen gefällt hatte.

Was war passiert? Josef Franzl hatte mit seinem Hengst Dream Magic BE in dem hochklassigen Rennen eigentlich nur den zweiten Platz belegt. Mit einem deutlichen Vorsprung von drei Längen war der Hengst Chateau mit dem Berliner Fahrer Thorsten Tietz im Sulky als Erster über die Ziellinie gestürmt. Doch der vermeintliche Sieger hatte verbotene Schützenhilfe erhalten – er wurde beim Schlussangriff der heranstürmenden Gegner von seinem eigenen Stallgefährten Indigious, der längst disqualifiziert war und nicht mehr am Rennen hätte teilnehmen dürfen, auf nicht erlaubte Weise abgeschirmt. Die logische Konsequenz: Tietz und Chateau wurden, obwohl sie sich selber völlig korrekt verhalten haben, von der Rennleitung disqualifiziert. Mehr als bitter für den Berliner Sportler, der am Tag zuvor noch das mit 108 231 Euro dotierte Stuten-Derby gewonnen hatte.

„Ich leide mit Thorsten, das ist wirklich tragisch für ihn“, sagte der zum Sieger gekürte Josef Franzl. Doch vor allem die eigene Freude über den Derby-Sieg übermannte den Spitzenfahrer gewaltig. Ein Derby der Emotionen, denn das gesamte Team von Josef Franzl, angefangen von Laura Liesegang, der 21-jährigen Pferdepflegerin von Dream Magic BE bis hin zu Johann Holzapfel und Alois Wegscheider, den beiden Besitzern des Trabers, konnte die Tränen bei der nun endlich durchgeführten Siegerehrung nicht mehr zurückhalten. Und auch wenn es für ihn durchaus schmerzlich war, so brachte der als Legende des Trabrennsports bekannte Stig H. Johansson, der schwedische Trainer der beiden disqualifizierten Stallgefährten Chapeau und Indigious, viel Verständnis für das Urteil der Rennleitung auf: „Wir sind traurig über das Resultat, aber es ist völlig richtig, dass das Reglement durchgesetzt wird.“

Nur dass sich im Anschluss an das Rennen drei aufgebracht wirkende Unbekannte in bedrohlicher Weise dem als vermeintlichen Bösewicht ausgemachten Fahrer Erik Adielsson näherten, konnte Johansson nicht akzeptieren: „Es ist zwar gottseidank nichts passiert, aber Erik war sehr verängstigt und dieser Zwischenfall war alles andere als schön.“

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