Sport : Das vereinte Königreich des Briten Lennox Lewis bröckelt auseinander

Hartmut Scherzer

Der Ort war angemessen. In der höchsten Hotel-Etage, in der Penthouse Lounge im 62. Stock des Mandalay Bay, empfing Lennox Lewis am Tag nach dem Sieg über Evander Holyfield die britische Presse. Der erste unumstrittene englische Boxweltmeister im Schwergewicht seit 102 Jahren fläzte sich auf dem Sofa und wunderte sich über die "Politik mit den Gürteln". Er habe es ja "geahnt, dass mir wieder etwas in die Quere kommt". Vor ihm lag die "Los Angeles Times" mit der so treffenden Schlagzeile: "Lewis Makes It United Kingdom".

Doch sein vereinigtes Königreich begann schon in dem Augenblick wieder zu zerfallen, als der "undisputed heavyweight champion of the world" den Ring verließ - ohne den Gürtel und damit ohne die offizielle Anerkennung der IBF, des dritten Verbandes. Der Anwalt Milton Chworski wedelte während des Presseplauschs mit dem zurückgehaltenen Scheck über 300 000 Dollar und versuchte, das Chaos aufzuklären. Panix Promotions, das Lewis-Management von Panos Eliades, habe die 300 000 Dollar Verbandsgebühr nicht bezahlt, weil sie immer noch nicht wüssten, an wen. Seit letzter Woche, nach der Anklage wegen Betrugs gegen ihre Spitzenfunkionäre sei die IBF in eine Profit- und eine Nicht-Profit-Organisation gespalten. Bis zur juristischen Klärung über die Zuständigkeit innerhalb von 45 Tagen hatten sich Panix Promotions und der IBF-Supervisor Walter Stone geeinigt, die Summe auf einem Treuhandkonto zu hinterlegen. Doch während Holyfield mit dem WBA- und dem IBF-Gürteln in den Ring kletterte, erklärte Stone plötzlich auf "höhere Anweisung" die Vereinbarung für ungültig. Kein Geld, kein Gürtel.

Leicht zu erraten, wer dahinter stecken dürfte: Don King. Schließlich muss Lewis diesen Gürtel innerhalb kürzester Zeit gegen die Nummer 1 der WBA, seinen Landsmann Henry Akinwande, verteidigen. Manager Frank Maloney winkte ab. "Wer will diesen Kampf sehen?" Der baumlange Herausforderer mit den Krakenarmen hatte vor zwei Jahren gegen Lewis eine jämmerliche Figur abgegeben und war in einem miserablen Kampf disqualifiziert worden. Aber Akinwande ist ein Fighter Don Kings und dessen letzter Schwergewichtler von Rang. Der WBC erkannte den Kampf seines Champions gegen Holyfield als Pflichtverteidigung an. Lewis hat also hier ein Jahr Zeit bis zur nächsten.

Die alte Masche im korrupten Drei- Buchstaben-Business: IBF-Titel vakant, WBA-Titel vakant, neue Titelkämpfe, weitere "Weltmeister". "Diese Organisationen haben doch nichts Eiligeres im Sinn, als die Einheit wieder aufzubrechen", prophezeite Eliades. Lennox Lewis räkelte sich und nahm es mit karibischer Gelassenheit: "Alle Welt weiß, dass ich der unumstrittene Champion bin. Ich gebe den Verbänden jetzt den Segen, nicht sie mir." Nach zehn Jahren "voller Turbulenzen, Politik und Dramen" habe er seine "Mission" zum Millenium erfüllt. "Ohne Don King. I did it my way."

Da er nun nach über hundert Jahren den wahren Titel im Schwergewicht nach England heimgeholt hat, möchte Lewis auch wieder "zu Hause" boxen. "Das wäre wichtig für mich. Sollen die Amerikaner doch über den Atlantik kommen." Zuletzt hatte Lewis vor fünf Jahren in London gekämpft und dabei gegen Oliver McCall die einziger Niederlage (K.o. 2.Runde) erlitten. Für März 2000 ist der nächste Ringauftritt geplant. Gegen wen? Namen wurden von allen Seiten in den Raum gestellt. Mike Tyson natürlich. Und Michael Grant. "Wir haben auch die Klitschkos, die ständig nach mir rufen", ergänzte Lewis die Kandidatenliste. Maloney ist skeptisch: "Die Klitschkos sind Peter Kohls Geldmaschinen in Deutschland. Das riskiert er jetzt noch nicht."

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