Sport : Das Vermächtnis von Kopaonik

Warum Novak Djokovic die French Open für seine verstorbene Mentorin gewinnen will.

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Blick zurück. Der Serbe Novak Djokovic ist vom Tod seiner 76 Jahre alten ehemaligen Tennislehrerin tief betroffen. Foto: AFP
Blick zurück. Der Serbe Novak Djokovic ist vom Tod seiner 76 Jahre alten ehemaligen Tennislehrerin tief betroffen. Foto: AFPFoto: AFP

Einen geliebten Menschen zu verlieren ist wohl für jeden eine der schmerzlichsten Erfahrungen. Manche hadern dabei mit dem Schicksal, sie verzweifeln, fühlen sich ohnmächtig vor Kummer. Anderen raubt die Trauer gar den eigenen Lebensmut. Und meist dringt der Tod als ungebetener Gast in unser Leben ein, der Zeitpunkt scheint nie richtig. Für Novak Djokovic hätte der Moment kaum schlimmer sein können, mitten in einem Grand-Slam-Turnier.

Seine Mentorin Jelena Gencic war im Alter von 76 Jahren einem Herzinfarkt erlegen, sie hatte Djokovic’ Talent entdeckt und den Serben von klein auf gefördert. „Sie war wie eine zweite Mutter für mich“, sagte der 26-Jährige nun, „wir waren uns mein Leben lang sehr nah.“ Im heutigen Viertelfinale der French Open gegen Thomas Haas werden Djokovic’ Gedanken bei ihr sein. „Es wird mir die Kraft geben, es noch unbedingter zu versuchen“, sagte er. „Ich will den Titel für sie gewinnen.“

Als sein langjähriger Trainer Marian Vajda und seine Lebensgefährtin Jelena Ristic am Samstag die traurige Nachricht aus der Heimat erhielten, wärmte sich Djokovic gerade für seine Drittrundenpartie gegen Grigor Dimitrov auf. Sie entschieden, es ihm erst nach dem Match zu sagen. Djokovic brach in der Umkleide weinend zusammen, sagte die obligatorische Pressekonferenz ab. „Es war richtig, es mir erst hinterher zu sagen“, erklärte Djokovic später, „trotzdem ist es ein Schock.“

Erst zwei Wochen vor Beginn der French Open hatten sie noch miteinander telefoniert. „Sie sagte mir: Du musst dich mit Haut und Haaren auf dieses Turnier konzentrieren. Das musst du gewinnen.“ Der „Coupe des Mousquetaires“ ist die einzige der vier Major-Trophäen, die Djokovic noch fehlt. Mit 18 Jahren stand er bereits unter den Top 100, mit 19 hatte er sein erstes Masters-Turnier gewonnen, mit 20 in Australien seinen ersten Grand Slam. Jelena Gencic hatte das alles vorausgesehen und ihm den Weg geebnet.

Als früherer Tennis- und Handballprofi gab sie in der ehemals jugoslawischen Bergregion Kopaonik Tennistraining auf ein paar Plätzen, die für Touristen gebaut worden sind. Djokovic’ Vater Srdjan führte als Ex-Skiprofi gegenüber eine Pizzeria. Den kleinen „Nole“ zog das Spiel magisch an, weit mehr als die Bretter seines Vaters. Gencic fiel der Junge irgendwann auf, der Tag für Tag am Zaun zuschaute und lud ihn ein, mitzuspielen. Die Anekdote seines ersten Trainings hatte sie danach oft erzählt. Djokovic kam eine halbe Stunde zu früh und in seiner Tasche war alles drin: Schläger, Handtuch, Trinkflasche, eine Banane und Schweißbänder. Ob seine Mutter die Sachen gepackt hätte, fragte Gencic ihn. „Nein“, erwiderte der Fünfjährige fast beleidigt, „ich habe im Fernsehen gesehen, was da drin sein muss.“ Schnell merkte Gencic, dass dieser Junge etwas Besonderes war. Sie hatte ein Auge für Talente und sich auch bei der achtjährigen Monica Seles nicht getäuscht.

Djokovic arbeitete in den nächsten Jahren unermüdlich, selbst, als im Zuge des Balkankrieges die Nato-Bomben über Belgrad niedergingen. Die schwierige Zeit schweißte die beiden noch enger zusammen. Auch als sie ihn im Alter von 13 Jahren in die Obhut ihres Freundes Niki Pilic und dessen Akademie in München gab, blieb das Band zwischen ihnen bestehen. Gencic versuchte stets, Djokovic auch für die Welt außerhalb des Tennissports zu öffnen. Sie weckte sein Interesse an klassischer Musik, an Fremdsprachen oder den Werken Puschkins.

„Sie hat mir so viel beigebracht“, sagte Djokovic, „mich mit zu dem gemacht, der ich bin. Sie hat ihr Leben dem Tennis gewidmet, und ihr Vermächtnis werde ich weitergeben.“ Vor einem Jahr hatte ihn der Tod seines Großvaters lange aus der Bahn geworfen, doch Djokovic glaubt fest an das Schicksal. „Man muss das Leben so akzeptieren“, sagte er, „aber ich glaube daran, dass ihr Geist immer bei mir sein wird.“

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