Sport : Das Vertrauen geht, das Grauen kommt (Glosse)

Michael Rosentritt

Wenn es Egidius Braun besonders schlecht geht, geht er an die Orgel einer Aachener Kapelle und spielt sich den Schmerz von der Seele. Eine trefflichere Gelegenheit als jetzt gab es noch nie im Leben des 75-jährigen Hobby-Organisten. Der DFB-Präsident weiß auch nicht so recht, wo das alles noch hinführen soll mit der Nationalmannschaft. Jetzt machen sich schon Schweizer lustig über uns. Der Deutsche Fußball-Bund hat es unter Mithilfe seines ranghöchsten Angestellten fertiggebracht, dass die ehemalige Institution wenige Wochen vor Beginn der Europameisterschaft in Belgien und Holland keine Mannschaft mehr besitzt. Die Auswahl von Teamchef Erich Ribbeck ist personell strukturlos sowie spieltaktisch systemlos. Nichts ist mehr übriggeblieben aus besseren Tagen des dreifachen Welt- und Europameisters. Braun räumte im Anschluss an das gräuliche Jubiläumsspiel ein, dass das noch schmeichelhafte 1:1 gegen die zweitklassige Schweiz den Tatbestand der Rufschädigung erfüllt.

"Wir brauchen bei der EM Spieler, die nervenstark sind", hat Erich Ribbeck gesagt. Männer also, die solche oder ähnliche Situationen schon einmal durchgestanden haben. Wer aber kann der allgemeinen Rat- und Hilflosigkeit des deutschen Fußballs entgegen wirken? Sammer ist krank, Matthäus alt und Effenberg will nicht mehr. Wie weiter, Herr Braun? Er hätte wissen müssen, auf welches Risiko er sich mit Erich Ribbeck als Teamchef einlässt. Braun wird am Kompromiss-Trainer festhalten. Ihm bleibt auch keine andere Wahl. Oder nur die, sich gleich selbst mit in Frage zu stellen. Das Vertrauen der Deutschen in ihre Auswahl ist jedenfalls geschwunden. Nach dem grausamen Abschneiden bei der WM vor zwei Jahren kann ein Desaster bei der EM nicht mehr ausgeschlossen werden. Beten kann auch nicht mehr helfen.Aus der Reihe "Im Spiegel des Tages".

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