Sport : Das Volk der Geher

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Benedikt Voigt über die Botschaft

der zwei deutschen Medaillen

Es war einmal ein Land, das gesund und stark und kräftig war. Seine Wirtschaft verstand Rezession als ein Phänomen der 20er Jahre, seine Politiker hielten Reform für einen Begriff aus der Müsliabteilung des Supermarktes und die Menschen besuchten das Arbeitsamt nur deshalb, weil dort das Berufsinformationszentrum untergebracht war. Auch die Leichtathleten strotzten vor Kraft, was vielleicht nicht immer attraktiv aussah, aber dem Sammeln von Edelmetallen bei Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften und Europameisterschaften zuträglich war. Das Land diskuswarf, kugelstieß und hammerwarf sich bei jeder Gelegenheit zu Gold oder Silber oder Bronze. Auch Hürden überwanden seine Sportler schnell, und wenn einmal die Latte hoch hing, sprang man darüber. Einfach so, ohne Hilfsmittel. Ach, ja.

Wenn Deutschland jetzt bei LeichtathletikWeltmeisterschaften an den Start geht, gehören seine Abgesandten nicht mehr zu den Besten der Welt. Selbst die Kräftigsten der Kräftigen, die Riedels und Kumbernüsse, müssen sich noch Kräftigeren aus anderen Nationen geschlagen geben. In Deutschland geht es der Leichtathletik inzwischen wie Wirtschaft und Politik: Zur Weltspitze fehlt einiges, man steckt in einer Rezession und ist reformbedürftig.

Doch halt, das stimmt nicht ganz. Wackelte nicht der Geher Andreas Erm zu Bronze? Sprang nicht Annika Becker mittels eines Stabes über 4,70 Meter zur Silbermedaille? Gut, das sind nicht gerade die Kernsportarten der Leichtathletik, beim 100-Meter-Lauf oder im Zehnkampf sind deutsche Athleten weiterhin ohne Chance. Aber hey, Gehen und Stabhochspringen, das ist doch ein Anfang.

Es gibt noch Erfolge für Deutschland, das ist doch die entscheidende Botschaft, die von den Leichtathletik-Weltmeisterschaften aus Paris herüberdringt. Noch sind es nicht viele, aber immerhin. Noch wird, wie beim Stabhochspringen, ein Hilfsmittel benötigt, um die Aufgabe zu bewältigen. Aber immerhin, man bewältigt bereits wieder Hindernisse. Und auch von seinem guten Geher kann das Land Positives lernen. Seine Art der Fortbewegung sieht vielleicht seltsam aus, aber manchmal sollte man sich um den äußeren Schein nicht kümmern. Denn auf seine Weise kommt er voran. Und hat sogar international beachteten Erfolg damit.

Vielleicht sollten sich auch Deutschlands Wirtschaft und Politik an eine langsamere Geschwindigkeit gewöhnen. Einen Schritt vor den anderen setzen, so kommt man auch voran. Erst gehen, dann laufen. Manchmal wackelt es dabei ein bisschen, aber das ist normal.

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