Sport : Das wahre Comeback der Susen Tiedtke

HANS MORITZ

Nach der Scheidung von Joe Greene plant die Berliner Weitspringerin einen neuen HöhenflugVON HANS MORITZ BERLIN.Die große Tartanhalle im Sportforum Hohenschönhausen ist gähnend leer.Kein Wunder.Bei dem Sommerwetter tummeln sich die Athleten unter der Sonne.Lediglich am äußersten Rand hüpft eine blonde Feder, legt sich im Spagat auf die Bahn, dehnt den Oberkörper.Unverkennbar eine frühere Turnerin.Scheinbar ohne sonderliches Interesse beobachtet der Trainer die Fitneß-Vorstellung, winkt beizeiten zum Aufbruch."Komm Suse, reicht für heute."Kann man diese Übungen nicht im Wohnzimmer machen? Oder auf der Wiese vor dem Haus? Bevor Trainer Jürgen Tiedtke erwidern kann, erläutert Tochter Susen: "Diese Saison überlasse ich nichts dem Zufall.Jetzt greife ich noch einmal an.Außer Weitsprung gibt es derzeit keine anderen Gedanken." Selbstbewußt, fast trotzig klingen die Worte.Denn das, was sich die 29jährige Berlinerin für diese Saison vorgenommen hat, sollte eigentlich schon das Jahr 1997 bringen."Gut drauf" war sie damals nach der zweijährigen Dopingsperre, die wegen fehlender Beweise ein schiefes Licht auf den Deutschen Leichtathletik-Verband wirft.Bei vier Testwettkämpfen in Südafrika fliegt die Blondine gleich 16mal über die geforderte WM-Norm von 6,70 m.Und beim Jahres-Höhepunkt in Athen schockt sie die Konkurrenz schon mit 6,84 m in der Qualifikation.Doch zwei Tage später trüben tiefe Augenringe das sonst strahlende Lächeln der "Miss Leichtathletik" und ohne die ersehnte Medaille nimmt sie den Flieger nach Hause.Susen will im nachhinein keine schmutzige Wäsche waschen, und so erklärt Trainer-Vater Jürgen, daß die einstige Traumhochzeit seiner Tochter mit dem amerikanischen Weitsprung-Kollegen Joe Greene Start ein Alptraum war.In Vorahnung der sportlichen Erfolge seiner Frau untersagte ihr Joe an manchen Tagen das Training, forderte die Abgabe sämtlicher Finanzen, um Friseurbesuche zu unterbinden.Susen durfte nur lange Hosen tragen und sollte die engen Beziehungen zur Familie in Berlin beenden.Um zu kitten, was längst zerbrochen war, unterwarf sich die Frau und verfehlte ihre sportlichen Ziele.In diesem Frühjahr bot sie der Tyrannei die Stirn und zog die Scheidung durch.Sie nahm sich eine Wohnung im Süden Berlins, ganz in der Nähe ihrer Schwester Pia.Sichtlich froh, daß ihr der Vater diese unangenehmen Passagen der Schilderung abnimmt, strahlt Susen Tiedtke übers ganze Gesicht.Umsonst seien die Jahre in Amerika nicht gewesen.Sie habe perfekt englisch sprechen gelernt.Das Studium der Business-Finanzen habe sie zwar nicht beenden können, es soll aber den Grundstock bilden für die berufliche nach der sportlichen Karriere."Die Phase, in der ich durch den ganzen Streit körperlich fertig war, ist vorbei", ruft sie aus und springt zum Beweis auf der Stelle hoch.Froh ist Susen, daß sie durch den privaten Umsturz keinen wirtschaftlichen Schaden genommen hat.Eine Folge des umsichtigen Managements vom Vater.Der achtet sorgsam darauf, daß sich der fördernde Pool aus Firmen rekrutiert, die zum Image der Tochter passen.Die Crème Dermavit, Bandagen von Lohmann, die Naturprodukte von Via Nova - alles weit ab vom Dopinggeruch.Auch Mitsubishi sicherte sich die Werbedienste der hübschen Weitspringerin."Wirtschaftlich", sagt Jürgen Tiedtke mit Genugtuung, "ist die Saison schon jetzt gut gelaufen."Fürs Sportliche will Susen ab Mittwoch sorgen.Da trifft sie sich in Chemnitz (mit dem Klub hat sie einen Vertrag bis zum Jahr 2000) mit der kompletten Weltelite in der Grube.Über Jena, Kania, Sevilla und Dortmund soll das große Ziel der EM-Medaille in Budapest angegangen werden.Sahnehäubchen wäre der Start beim Europacupfinale in St.Petersburg, weil er einen Sieg in der Qualifikation über Rivalin Heike Drechsler voraussetzt.Und dann im DLV-Team zum Weltcup nach Johannesburg.Dort schlösse sich der Kreis, der vor 14 Monaten in Südafrika Susen Tiedtkes zweite Karriere einleitete.

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