Sport : Das war keine Kunst

Italien feiert seine drei Klubs im Halbfinale der Champions League und stört sich nicht am defensiven Fußball

Vincenzo Delle Donne

Mailand. Spanien reagierte mit Abscheu. Die Sportzeitung „As“ giftete: „Wir hatten schon geglaubt, dass dieses grässliche Gespenst des italienischen Mauerfußballs ein für alle Mal besiegt sei. Aber nun ist dieser Calcio wieder da. Hilfe!“ Und die Zeitung „El Mundo“ beurteilte die Spielweise der Italiener als „arbeitsscheu, aber überaus effektiv“. So können nur Verlierer denken. Fußball-Italien liegt dagegen im Freudentaumel. Erstmals seit Einführung der Champions League stieß mehr als ein italienischer Klub ins Halbfinale vor. Juventus Turin, der AC Mailand und Inter Mailand stehen damit sinnbildlich für die Auferstehung des italienischen Fußballs, dessen letzte Glanzzeit in den Neunzigerjahren lag, als Milan mit Arrigo Sacchi von Triumph zu Triumph eilte und spielerisch Maßstäbe setzte.

Dass in den Viertelfinalspielen von Inter gegen FC Valencia (1:2/1:0), von Juve gegen den FC Barcelona (2:1n.V./1:1) und vom AC Mailand gegen Ajax Amsterdam (3:2/0:0) kein Fußballzauber ausging, bekümmert die Tifosi wenig. Sie erheben vielmehr den „Catenaccio zur Kunst“. Schmälern lassen sich die Italiener landauf, landab die Freude über den Triumph nicht. Auch nicht durch den Rückblick auf jene Momente, die durch glückliche Fügung den Triumph erst möglich machten. Hätte Torwart Francesco Toldo (Inter Mailand) gegen Valencia sein Tor nicht zu einem kaum zu knackenden Tresor gemacht, hätte ein wie besessen aufspielender Stürmer wie Filippo Inzaghi (Milan) nicht gegen Ajax gewirbelt, geschossen und getroffen, hätte ein Spieler aus der zweiten Garnitur wie Marcelo Zalayeta (Juventus) nicht gegen den FC Barcelona in der Verlängerung in Unterzahl ein klassisches Kontertor erzielt… Was wäre dann wohl gewesen? Solche unbequemen Fragen werden gar nicht erst gestellt.

Und dass der italienische Defensivfußball nun wieder neu erfunden wurde, stört auch keinen. Schon gar nicht Hector Cuper. „Wir haben uns mit erlaubten Mitteln durchgesetzt, ob unser Stil nun gefällt oder nicht“, sagte der argentinische Trainer von Inter Mailand. Es gilt nun mal die alte Weisheit: Ein gutes Ergebnis ist allemal mehr wert als berauschender Offensivfußball. Spaniens Zeitung „El Pais“ stänkerte trotzdem über Inters Taktik: „Wenn alle so spielen wie die, dann kommen bald keine Zuschauer mehr in die Stadien.“

Es ist nicht nur eine wuchtige Rückkehr der italienischen Klubs in die Champions League, sie üben dort in diesem Jahr sogar eine eindrucksvolle Dominanz aus. Stören tut das Triumvirat aus Turin und Mailand – AC Milan und Inter treffen jetzt im Halbfinale sogar zum Lokalderby aufeinander – lediglich noch ein Klub aus der spanischen Fußball-Großmacht: Real Madrid. Mancher Kolumnist in Italien gerät bei dieser Konstellation geradezu ins Schwärmen. Ganz wie in alten Tagen. „Noch ehe die italienische EU-Präsidentschaft beginnt, wird es einen ,Mai italianissimo’ im Fußball geben“, jubelte Candido Cannavo in der Mailänder „Gazzetta dello Sport“. Wenn es wortgewaltig und blumenreich irgendwelche sportlichen Erfolge zu rühmen gilt, dann ist der frühere langjährige Chefredakteur der größten Sportzeitung des Landes unübertrefflich.

Es gab in all der Jubelstimmung aber auch ein paar nachdenkliche Leute. Inter Mailands Präsident Massimo Moratti hatte zum Beispiel die Glanzparaden seines Torwarts Toldo sehr wohl bemerkt und hinterher darüber gesprochen, dass er es fast schon als peinlich empfand, wie häufig der eigene Torhüter da entscheidend eingreifen musste. „Das Ergebnis ist nicht gerecht“, sagte Moratti schließlich seinem spanischen Amtskollegen vom FC Valencia, Jaime Orti Ruiz. Und als Ruiz partout keine Leidensmiene aufsetzen wollte und auch kein böses Wort hervorbrachte, da gab ihm Moratti den wohlmeinenden Ratschlag: „Sie müssen zumindest ein bisschen darüber aus der Haut fahren.“

Selbstzufrieden über die Erfolge italienischer Klubmannschaften äußerte sich der Kolumnist des Mailänder „Corriere della Sera“, Giorgio Tosatti. „Diejenigen, die im In- und Ausland unseren Fußball schlecht reden, müssen endlich anerkennen, dass sie Fehlurteile gefällt haben“, meinte er. Italien sei, sagt Tosatti, zum „goldenen Jahrzehnt“ zurückgekehrt.

Gianni Mura von der Tageszeitung „La Repubblica“ beschäftigte sich ausführlich mit dem Kontertor von Juventus Turin durch den Kolumbianer Marcelo Zalayeta in der Verlängerung. Ein Tor aus einem Konter – das passt doch zu allen existierenden Vorurteilen über italienischen Fußball. Oder? Das sei keine rein italienische Spezialität, schrieb Mura. Zusatz: „ … was aber keine Sünde ist.“ Ein Fußballexperte wie Ajax Amsterdams Trainer Ronald Koeman, dessen Mannschaft in der Nachspielzeit von Milan aus dem Wettbewerb katapultiert wurde, meint dagegen: „Der italienische Fußball zieht mit drei Mannschaften ins Halbfinale ein. Dieses Ergebnis resultiert aber aus dem Zufall, nicht aus einer Überlegenheit.“

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