Sport : Das wichtigste Turnier der Welt als Trost

Thomas Haas reist trotz starker Form frustriert nach Wimbledon, weil er nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen darf.

Petra Philippsen[London]
Letzter Auftritt? Thomas Haas tritt zum 13. Mal in Wimbledon an. Sein bestes Ergebnis erreichte er 2009, als er bis ins Halbfinale kam. Foto: dpa Foto: dpa
Letzter Auftritt? Thomas Haas tritt zum 13. Mal in Wimbledon an. Sein bestes Ergebnis erreichte er 2009, als er bis ins Halbfinale...Foto: dpa

Als Thomas Haas vor zwölf Jahren auf dem Siegerpodest der Olympic Area im australischen Sydney stand, da betrachtete er für einen Moment die Silbermedaille, die ihm um den Hals hing und lächelte. Haas war damals gerade 22 Jahre alt, noch in den Anfängen einer hoffnungsvollen Karriere, aber bereits sehr ehrgeizig. Er hatte über dreieinhalb Stunden hinweg gegen den Russen Jewgeni Kafelnikow gekämpft, der gerade auf seinem Zenit angekommen war. Über fünf Sätze zwang Haas seinen Gegner, der dann aber etwas ausspielte, was dem gebürtigen Hamburger bis dato noch fehlte: die Erfahrung aus großen Endspielen. Kafelnikow tänzelte schließlich ausgelassen mit der russischen Flagge über den Court, doch Haas wirkte nicht enttäuscht, obwohl er sonst mit Niederlagen nicht gut zurechtkam.

Aber schon damals hatte Haas auf Anhieb verstanden, was den olympischen Geist wirklich ausmacht. Es geht um das Dabeisein, darum, sein Bestes zu geben. Und so fühlte sich Haas nicht als Verlierer, er hatte die Silbermedaille gewonnen. „Das ist nach wie vor eine meiner schönsten Erinnerungen“, sagt Haas heute mit 34 Jahren, „es waren zwei Wochen, die ich nie vergessen werde.“

Es wird bei diesen Erinnerungen bleiben, denn sein großer Traum, noch einmal bei den Sommerspielen in London teilzunehmen, erfüllte sich nicht. Dabei gibt es unter den deutschen Tennisprofis wohl kaum einen, dem Olympia so viel bedeutet wie Haas. Für einen wie ihn, der seit seinem elften Lebensjahr fernab der Heimat im knochenharten Camp von Nick Bollettieri in Florida zum Tennisprofi gedrillt worden war, fühlten sich die Olympischen Spiele damals wie das gelobte Land an. Es war ein Ort, wo er als Einzelkämpfer ein Gemeinschaftsgefühl erlebte, wo er unter Seinesgleichen war und einfach mal jung sein durfte. Der Trubel im olympischen Dorf, die bunte Eröffnungsfeier, die sonst verbotenen Stippvisiten im Fast-Food-Restaurant, all das genoss Haas nicht nur, er saugte die Eindrücke förmlich in sich auf. Er sei in diesen zwei Wochen eine „zufriedenere Person geworden“, sagte Haas: „Ich habe viel Spaß gehabt.“

Das Vergnügen allein war es jedoch nicht. Haas erfüllte es von jeher mit Stolz, für sein Land anzutreten, für die deutschen Farben, auch wenn er sich längst als halber Amerikaner sah. „Ich sollte mir immer einreden, dass ich für Deutschland spiele“, sagte Haas, „das beflügelt mich.“ Dieses einzigartige Hochgefühl wird Haas jedoch nur noch mit Abstrichen im Davis Cup erleben können. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hatte ihn nicht für London nominiert. „Das ist eine Schande“, wetterte Haas, „der DOSB hat mich nicht einmal auf die Liste gesetzt.“

Nach seinem Turniersieg auf dem Rasen in Halle hatte er sich große Hoffnungen auf eine Wildcard durch den Weltverband ITF gemacht. Doch diese wurde Haas nun verweigert, eben weil der ehemalige Weltranglistenzweite weder auf der Liste des Deutschen Tennisbundes noch der des DOSB steht. „Ich habe ein Schreiben bekommen, in dem mir erklärt wurde, dass ich die Kriterien nicht erfüllt hätte und deshalb nicht nominiert sei“, sagte der verärgerte Haas.

Zum Stichtag am 11. Juni hätte er nach den Kriterien der ITF unter den besten 56 der Rangliste stehen müssen, das tat er aber erst in der Woche nach seinem Halle-Sieg. Für den DOSB sind die Regeln noch weit strenger, dort hätte Haas zu den Top 24 der bereinigten Weltrangliste gehören sollen. Und da er nicht nominiert wurde, würde ihm nicht mal eine furioseste Leistung in Wimbledon helfen, dem berühmtesten Tennisturnier der Welt, das heute beginnt.

Rainer Schüttler hatte sich vor vier Jahren nach seinem Halbfinaleinzug erfolgreich vor dem internationalen Sportgerichtshof CAS seine Teilnahme in Peking erstritten, diese Option hat Haas nun nicht mehr. Und das, obwohl er die nach den deutschen Statuten geforderte „Endkampfchance“ spätestens mit seinem Sieg über Roger Federer bewiesen hatte. „Ich bin enttäuscht, dass sie sich nicht mehr für mich eingesetzt haben“, sagte Haas.

Nach allen Verletzungen und Rückschlägen, die er erlitten hatte, hätte Olympia Haas für manche Entbehrung entschädigt. So bleibt nur Wimbledon, obwohl es das wichtigste Turnier der Welt lange nicht gut mit ihm gemeint hatte. Geradezu verflucht war es, bis er vor drei Jahren ins Halbfinale gestürmt war. Im Moment spielt er wieder so gut, dass man glauben möchte, ihm könnte noch einmal ein Lauf gelingen. „Ich bin zum 13. Mal hier, das ist meine Glückszahl“, sagte Haas, „wer weiß also, was passiert.“ So oder so, es wäre für ihn nur ein kleines Trostpflaster.

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