Sport : Das Wunder, das kein Wunder war

Warum die deutschen Fußballer das Endspiel der Weltmeisterschaft vor 50 Jahren in Bern verdient gewonnen haben

Stefan Hermanns

Sepp Herberger wusste schon zwölf Jahre vorher, wie das große Spiel verlaufen würde: 0:2 wird der Außenseiter hinten liegen, sich zurückkämpfen und am Ende 3:2 gewinnen. Sepp Herberger, der Reichstrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, war 1942 als Berater für das Filmprojekt „Das große Spiel“ engagiert worden. Von 0:2 auf 3:2, so hatte er sich die ideale Dramaturgie für das Finale dieses Fußballfilms vorgestellt. Genau so kam es zwölf Jahre später, am 4. Juli 1954, im Endspiel um die WM zwischen Deutschland und Ungarn.

Offensichtlich also ist das Finale von Bern ganz nach dem Geschmack des Bundestrainers verlaufen – und das nicht nur, weil Herberger neben taktischen und psychologischen auch seherische Fähigkeiten besessen hätte. Sein Plan für dieses Spiel, an dem er acht Monate lang getüftelt hatte, war aufgegangen. Seit Jahrzehnten wird der Erfolg als Wunder von Bern verklärt. Ein Wunder aber ist dieser Sieg nicht gewesen. Wunderbar war er vielleicht im Hinblick auf die Ausgangsposition: Die Ungarn galten als beste Mannschaft der Welt. 31 Spiele waren sie ungeschlagen, und den Finalgegner hatten sie in der Vorrunde mit 8:3 besiegt. Wunderbar war der Sieg auch im Hinblick auf den Spielverlauf: Nach acht Minuten führte der Favorit mit 2:0.

Die Deutung des WM-Erfolges als Wunder ist aus der direkten Wahrnehmung entstanden: Den Zeugen dieses Spiels musste der Sieg nach allem, was sie vorher wussten, einfach wie ein Wunder vorkommen. Hinzu kam die allgemeine Wundergläubigkeit dieser Zeit, die auch das Wirtschaftswunder und das Fräuleinwunder hervorgebracht hat. Das 2:0 im Viertelfinale gegen Jugoslawien wurde als „Wunder von Genf“ gefeiert, und der Radioreporter Herbert Zimmermann bezeichnete bereits den Einzug der Deutschen ins Finale als „ein echtes Fußballwunder“. Da stand es noch 0:0.

Dass dieser Mythos die Jahrzehnte überdauert hat, liegt auch daran, dass nach dem 4. Juli 1954 niemand mehr das Spiel in voller Länge gesehen hat. So konnten die Legenden weiter leben: dass die Ungarn deutlich überlegen spielten, dass sie Chancen um Chancen hatten, während der Außenseiter ausschließlich verteidigte, und dass die Deutschen nur gewinnen konnten, weil es regnete und sie die besseren Schuhe trugen.

Selbst das so genannte Fritz-Walter-Wetter ist später verklärt worden. Der schwere Boden sei den technisch minderbemittelten Deutschen zu Gute gekommen, heißt es. Herbert Zimmermann aber sagt in seiner Reportage: „Das Spiel heute ist außerordentlich schwer, vor allem für die Spieler, die nicht ausgezeichnete Techniker sind.“ In der Tat profitieren die Deutschen von dem nassen Rasen – allerdings, weil sie schnelle, kontrollierte Spielzüge bevorzugten und nicht, weil sie jetzt besser grätschen können.

„Hatten wir Glück, die Ungarn Pech?“, fragt Herberger später. „Ich sage, wir hatten verdient gewonnen.“ Auch ausländische Beobachter stimmten mit ihm in dieser Ansicht überein. „Die neue Fußball-Woche“ aus der DDR, die aus ideologischen Gründen eigentlich auf Seiten der Ungarn hätte sein müssen, schrieb, dass die beiden Mannschaften „90 Minuten absolut ebenbürtig“ waren. Für „Il Popolo“ aus Italien war der sensationelle Sieg der Deutschen „vollauf verdient“, und die spanische Sportzeitung „Deportivo“ schrieb: „Die Leistung der deutschen Mannschaft in diesem Spiel war wirklich weltmeisterlich.“

Kurz vor dem 3:2 durch Rahn sagt der Radioreporter Zimmermann: „Wann sieht man ein solches Endspiel, so ausgeglichen?“ Sieben Ecken haben die Deutschen im Laufe der Begegnung, sechs die Ungarn. Das spricht dagegen, dass der Außenseiter ausschließlich das eigene Tor verteidigt. „Ja, liebe Ungarn“, ruft Zimmermann kurz vor der Pause, „jetzt müssen wir sagen, jetzt habt ihr Glück gehabt.“

Die englische Zeitung „Daily Mirror“ schrieb nach dem Endspiel: „Die Deutschen haben die Lehren begriffen, die England aus den Niederlagen gegen die Magyaren nie gelernt hat.“ Acht Monate zuvor hatten die Ungarn 6:3 im Wembleystadion gewonnen, im Rückspiel in Budapest sogar 7:1. Herberger saß in London auf der Tribüne. Während die ganze Fußballwelt von den Ungarn begeistert war, sagte der Bundestrainer: „Ich habe gesehen, was ich sehen wollte.“ Dass er den zurückhängenden ungarischen Mittelstürmer Hidegkuti in den Griff bekommen muss. Und dass die Ungarn in der Abwehr verwundbar sind.

Die deutsche Mannschaft hat das Finale gewonnen, weil sie die bessere Taktik hatte. „Die Stürmer sind mit hinten, die Verteidiger mit vorne“, sagt Zimmermann. Das ist das Prinzip des totalen Fußballs, mit dem die Holländer erst 20 Jahre später, bei der WM in Deutschland, die Zuschauer verzücken werden. In der Defensive aber macht Herberger sein Meisterstück. Der rechte Läufer Horst Eckel spielt gegen Hidegkuti, Werner Liebrich, der Mittelläufer, gegen Puskas. Die deutschen Verteidiger halten ihre Position und übergeben die Gegenspieler, damit keine Lücken in der Abwehr entstehen. Selbst bei den WM-Siegen 1974 und 1990 werden die überragenden Spieler des Gegners, Johan Cruyff bei den Holländern und der Argentinier Diego Maradona, noch in sture Manndeckung genommen. 1954 aber ist die deutsche Mannschaft taktisch nicht nur auf der Höhe der Zeit – sie ist ihr zum einzigen Mal sogar voraus.

Trotzdem ist der Sieg gegen Ungarn zu einem bloßen Erfolg der Kampfkraft gemacht worden, zu einem Triumph des Willens, zur Geburtsstunde der deutschen Tugenden. Hans Schäfer hat 1964 in seinen Erinnerungen geschrieben: „Man übersah geflissentlich, dass bei allem Einsatz unser Spiel dennoch im wahrsten Sinne lief und das Publikum in seinen Bann schlug.“

Es sieht fast so aus, als habe der deutsche Fußball die falschen Schlüsse aus Bern gezogen.

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