Sport : Das Wunder fern der Weser

Werder Bremen feiert nach dem 2:2 beim AC Mailand das „schönste Unentschieden seit 20 Jahren“.

Frank Hellmann[Mailand]
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Grün-weißer Jubel. Bremen holte in Mailand noch ein 0:2 auf.Foto: dpa

Die honorigen Herren der Bremer Geschäftsführung haben im Europapokal schon so einiges erlebt. Manfred Müller oder Klaus-Dieter Fischer standen beim SV Werder schließlich schon in der Verantwortung, als man unter Anleitung von Otto Rehhagel die Wunder von der Weser schaffte. Das, was sich unter Ausschluss der deutschen TV-Öffentlichkeit im legendären Giuseppe-Meazza-Stadion von Mailand am Donnerstagabend abspielte, erreichte nun eine neue Dimension. „Das schönste Unentschieden seit 20 Jahren“, hatte Marketing-Fachmann Müller mit dem 2:2 (0:2) beim AC Mailand und dem Einzug ins Achtelfinale des Uefa-Cups gesehen. „Das war richtig gut fürs Image, interessant für die Finanzen und wichtig für die Psyche.“ Die zuletzt arg ramponierte Marke Werder, selbst nach innen zuletzt mit vielerlei Selbstzweifeln versehen, strahlte an einem Abend mal wieder wie zu besten Zeiten. Und plötzlich ist das Vertrauen in die eigene Stärke so groß, dass man auch dem FC Bayern im Klassiker am Sonntag die breite Brust bietet. „Ich werde die Mannschaft nicht aus der Pflicht lassen“, kündigte Trainer Thomas Schaaf an.

„Wir haben den Arsch noch rechtzeitig hochgekriegt“, lieferte Ersatztorwart Christian Vander den verbalen Volltreffer zu einer Begegnung, in dem die unorganisierte und uninspirierte Milan-Riege zum Spielball beschwingter Bremer wurde. „Wir hatten die Partie nie im Griff“, gab Trainer Carlo Ancelotti zu, „es ist zwar traurig für uns, aber die bessere Mannschaft ist weitergekommen.“

Den vom abermals indisponierten Clemens Fritz begünstigten 0:2-Rückstand durch den Handelfmeter von Andrea Pirlo und das Traumtor von Pato münzte Claudio Pizarro mit zwei feinen Kopfballtoren (68. und 78. Minute) noch in ein hochverdientes Remis um. Trainer Thomas Schaaf führte nach dem Ausgleich an der Trainerbank ein ekstatisches Tänzchen auf, seine Spieler taten es nach dem Abpfiff vor den 1700 mitgereisten Anhängern hoch oben im dritten Rang von San Siro gleich. „Wer in vier Spielen einer Saison gegen Inter und AC Mailand nicht verliert, besitzt Qualität“, stellte Sportchef Klaus Allofs fest.

Es wäre allerdings vorteilhaft, die vorhandene Klasse ein wenig konstanter abzurufen. Das gilt auch für Claudio Pizarro. Gegen Cottbus katapultierte sich der 30-Jährige mit einem verpassten Training aus dem Kader, gegen Mailand schoss er die Hanseaten allein in die nächste Runde. Immerhin gab Pizarro artig zu Protokoll: „Ich wollte der Mannschaft mit meiner Erfahrung helfen. Ich hoffe, dass wir jetzt alle so weiterspielen.“

Ein Verlangen, dem sich die wahren Schwungräder nicht verschließen sollten. Nicht Diego oder Mesut Özil muss das Motto bei Werder heißen, sondern Diego und Özil – sofern sie im Duett weiter so wirbeln. Gegen ihren Spieltrieb und Bewegungsdrang wirkten Clarence Seedorf und David Beckham wie sündhaft teure Standfiguren. Die englische Stil-Ikone gab im Blitzlichtgewitter später mit einem verräterischen Grinsen preis, eine „enttäuschende Nacht“ erlebt zu haben, „aber das passiert im Fußball“. Vor allem dann, wenn ein Star-Ensemble so weit über den Zenit ist. Ministerpräsident und Klubpatron Silvio Berlusconi wäre gut beraten, mal nachzudenken, ob der Ball bei Milan mit ein bisschen weniger Prominenz nicht besser rollen würde.

Werders Geschäftsführung hatte übrigens Berlusconis Firma Mediaset noch ein Zugeständnis abgerungen: Bewegtbilder des spektakulären Spiels sind nun immerhin für die Abonnenten von Werder.TV auf der Vereins-Homepage zu sehen. Bei Werder klappte diesmal eben alles, zumindest fern der Weser.

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