Sport : Das Wunder ist vollbracht

Gladbach krönt mit dem 1:1 in Bochum die Aufholjagd und bleibt Bundesligist

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Der Millionenschuss. Marco Reus erzielt den Ausgleich und bewahrt die Gladbacher vor dem Abstieg in die Zweite Liga. Foto: Fishing4 
Der Millionenschuss. Marco Reus erzielt den Ausgleich und bewahrt die Gladbacher vor dem Abstieg in die Zweite Liga. Foto:...Foto: Fishing4

Der Fußball ist ein unbarmherziges Geschäft, viel unbarmherziger als etwa die Politik. Da ist es üblich, dass Amtsträgern eine Schonzeit von 100 Tagen gewährt wird, ehe eine erste Zwischenbilanz gezogen wird. Lucien Favre hatte gestern seinen 100. Arbeitstag als Trainer von Borussia Mönchengladbach, über ihn aber wurde im Relegationsrückspiel beim VfL Bochum bereits abschließend gerichtet. Das Urteil fiel gnädig aus. Der Schweizer darf auch in der nächsten Saison einen Bundesligisten trainieren. Durch ein 1:1 (0:1) beim Zweitligadritten Bochum sicherte sich seine Mannschaft nach dem 1:0 im Hinspiel den Klassenerhalt – und krönte damit ihre wundersame Aufholjagd der vergangenen Wochen. „Favre kam, sah und siegte“, sagte Torhüter Marc-Andre ter Stegen. Doch der letzte Erfolg war ein hartes Stück Arbeit.

Die Begegnung begann mit einem Kracher: Nicht mal drei Minuten waren vorüber, da landete nach der ersten Ecke ein Kopfball von Marcel Maltritz an der Latte des Gladbacher Tores. In dieser Frequenz aber ging es erst einmal nicht weiter: Die Gladbacher passten sich den Ball vor dem Strafraum zu und zu und zu, um die Bochumer aus der Reserve zu locken – doch die kamen einfach nicht. Erst hinter der Mittellinie griffen sie die Gladbacher an.

Beide Trainer hatten bis zuletzt um ihre Schlüsselspieler gebangt. Borussias bester Torschütze Marco Reus stand nach seiner Oberschenkelverletzung aus dem Hinspiel bei Anpfiff aber ebenso auf dem Feld wie Bochums Spielmacher Mimoun Azaouagh. VfL-Trainer Friedhelm Funkel musste allerdings auf den gelbgesperrten Rechtsverteidiger Björn Kopplin verzichten. Für ihn rückte der eigentlich offensive Paul Freier zurück in die Viererkette. Anders als die Ausgangslage es hätte vermuten lassen, traten die Bochumer defensiver auf als vor sechs Tagen in Gladbach.

Sie lauerten auf Fehler, und tatsächlich war es ein Ballverlust der Gladbacher in der Vorwärtsbewegung, der in der 24. Minute die Führung des Zweitligisten einleitete. Mirkan Aydin und Christoph Dabrowski nutzten die Unordnung in Borussias Abwehr, letztlich stolperte Havard Nordtveit den Ball ins eigene Tor. Das 0:1 aus dem Hinspiel war damit ausgeglichen, und das hatten sich die Bochumer bis dahin mehr als verdient. Sie wirkten griffiger in den Zweikämpfen, und gerieten so gut wie nie in Gefahr.

Die Gladbacher brauchten eine Zeit, um sich auf die neue Situation einzustellen. Am Design des Spiels änderte sich erst einmal nichts. Warum auch hätte der VfL seine Taktik ändern sollen? Die Borussen aber traten zum Ende der ersten Halbzeit etwas entschlossener auf. Ihre beste Chance resultierte aus einem Eckball von Juan Arango kurz vor der Pause: Mohamadou Idrissou setzte seine Hereingabe ebenfalls an die Latte.

Das Millionenspiel lebte nach der Pause von der flirrenden Atmosphäre auf den Rängen und der unglaublichen Spannung. Ein einziges Tor würde nun über Absturz oder Aufstieg entscheiden. Die erste Gelegenheit dazu hatten die Gladbacher, als Reus und Idrissou vor Bochums Torhüter Andreas Luthe auftauchten. Reus drückte den Ball nach einem Fallrückzieher seines Kollegen über die Linie – der Treffer aber zählte wegen Abseits zu Recht nicht.

Knapp 25 Minuten vor Schluss wechselte Borussias Trainer Favre Igor de Camargo ein, der im Hinspiel das einzige Tor erzielt hatte. Die Gladbacher wirkten nun gefährlicher, sie kamen zu einer ganzen Serie von Ecken, Andreas Luthe lenkte einen Schuss von Arango gerade noch über die Latte, Matthias Ostrzolek klärte nach einem Kopfball von Martin Stranzl auf der Linie. Kurz darauf war es passiert: De Camargo spielte Reus frei, und der überwand Luthe mit einem platzierten Flachschuss zum 1:1. Etwas mehr als 20 Minuten blieben dem VfL noch, um zwei Tore zu erzielen. Sie mühten sich zwar, schafften es aber nicht, aus dem Stand in den Offensivmodus umzuschalten.

„Wir waren auf Augenhöhe“, sagte Friedhelm Funkel, „ich glaube, dass die etwas glücklichere Mannschaft in der Bundesliga geblieben ist.“ Und so endete diese Spielzeit für Bochum und Friedhelm Funkel mit einer neuen Erfahrung: Ohne einander waren beide bisher immer im ersten Versuch in die Bundesliga aufgestiegen. Zusammen aber riss ihre imposante Serie – als hätte Plus mal Plus Minus ergeben.

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