Sport : Das Ziel aus den Augen verloren

Jan Ullrichs Team hält eine Attacke auf das Gelbe Trikot bei den schweren Bergetappen für unrealistisch

Hartmut Scherzer[Montpellier]

Jeder weiß es. Und mancher spricht es auch deutlich aus. „Die Tour ist entschieden. In den Pyrenäen geht es nur noch um die anderen Plätze auf dem Podium“, sagt Levi Leipheimer vom Team Gerolsteiner. Er liegt auf dem siebten Platz in der Gesamtwertung, vier Sekunden vor Jan Ullrich.

Der galt im Gegensatz zu Leipheimer vor der Tour als der große Herausforderer von Lance Armstrong, doch jetzt macht sich auch in Ullrichs Team Resignation breit. „Realistisch ist für uns nur noch ein Podiumsplatz“, sagt T-Mobile- Sportdirektor Mario Kummer. „Unrealistisch wäre es, Lance Armstrong in den Pyrenäen massiv anzugreifen. Davon kann man nur träumen.“ Ein überraschendes Eingeständnis.

In den ersten beiden Wochen der Tour war aus der Mannschaft noch mehrfach zu hören gewesen, dass Armstrong an diesem Wochenende auf den schweren beiden Etappen mit den Bergankünften angegriffen werden sollte. Zumal Armstrong erstmals seit 2001 mit dem Spanier Manuel Beltran einen seiner acht Helfer – durch Sturzverletzungen – verloren hat. Doch der sechsmalige Tour-Sieger scheint so stark, so souverän zu sein, dass auch solche Meldungen bei den anderen Mannschaften keine Hoffnungen mehr hervorrufen.

Jan Ullrichs Bemerkung vom Donnerstag, dass er „nur noch heil nach Paris kommen will“, war als scherzhafte Schlussbemerkung auf nervende Reporterfragen zu verstehen. Gestern sagte er, dass er „hofft, noch einmal attackieren zu können“. Wen er angreifen will, ließ er allerdings offen. Ullrich möchte „das bestmögliche Ergebnis erreichen“. Eine Kampfansage an Lance Armstrong ist das nicht. Wie die anderen Fahrer scheint auch Ullrich froh darüber zu sein, wenn er dem sechsmaligen Tour-Sieger Armstrong überhaupt folgen kann.

„Der siebte Sieg Armstrongs ist nicht mehr zu verhindern“, sagt auch Hans-Michael Holczer, der Teamchef von Gerolsteiner. „Armstrong angreifen? Warum sollten wir das tun?“ Holczer würde sich sicher freuen, wenn der zweite deutsche Radrennstall seinen besten Fahrer vor dem von T-Mobile platzieren könnte. Wenn man sich den Einschätzungen von Holczer und Mario Kummer anschließt, heißen die neuen Konkurrenten Ullrich und Leipheimer – im Kampf um einen der Plätze hinter Armstrong. So stellt sich die Situation heute am Fuß der Pyrenäen zumindest statistisch dar. Da passt die Schilderung Leipheimers ins Bild, wie er beim Anstieg nach Courchevel „hinter dem falschen Hinterrad saß“. Er habe sich an Ullrich gehalten. „Eine falsche Entscheidung. Das hat mich eine halbe Minute und viel Energie gekostet, mich wieder nach vorn zu kämpfen.“ Leipheimer wurde schließlich Sechster, eine Minute vor Ullrich. Also wird Leipheimer versuchen, sich in den Pyrenäen an Armstrong zu orientieren. „Jeder kämpft darum, bei Lance zu bleiben. Man muss im entscheidenden Moment direkt bei ihm sein, wenn er plötzlich antritt. Sonst hast du schon verloren.“

Wer besser ist als Lance Armstrong und dazu noch angreift, könnte die Tour in den Pyrenäen noch gewinnen. Vor zwei Jahren zeigte Armstrong dort bei der ersten Bergetappe eine seiner seltenen Schwächen, Jan Ullrich kam in der Gesamtwertung bis auf 15 Sekunden heran. Sieben Berge sind am Samstag und am Sonntag, wenn die schwerste Etappe dieser Tour auf dem Programm steht, zu überwinden. Ullrich und Leipheimer liegen vier Minuten hinter Armstrong. Ein aufholbarer Rückstand, wenn es nicht gegen den bislang perfekt fahrenden Amerikaner gehen würde. Da erscheinen vier Minuten wie eine Ewigkeit, falls der 33-jährige Amerikaner seine Form auch nur annähernd halten kann.

Der drittplatzierte Franzose Christophe Moreau hat anderthalb Minuten Vorsprung auf Jan Ullrich. Wenn dieser auf seinen Sportdirektor Mario Kummer hört, sollte er sich Levi Leipheimer anschließen und für sich ein neues Ziel bei dieser Tour de France formulieren.

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