Sport : Das Zwei-Klassen-Peloton

Astana und Winokurow spalten das Fahrerlager und sorgen für Diskussion um die Zukunft des Radsports

Sebastian Moll[Aubisque]

Es ist schon eine erstaunliche Fähigkeit, die Michael Rasmussen da besitzt. Nicht etwa die offensichtliche, schneller als alle anderen Radfahrer Bergstraßen hochzujagen, die er am Mittwoch erneut bestätigte, als er die letzte Pyrenäenetappe gewann und seine Gesamtführung in der Tour de France ausbaute. Sondern die, sich völlig von seiner Umwelt abzuschotten. Der unter Dopingverdacht stehende Däne ist isoliert bei der Tour de France, unerwünscht von den Organisatoren, ungeliebt von den Fans, den Kollegen und angeblich sogar von einigen seiner Mannschaftskameraden. Trotzdem fährt er ungerührt seinem Toursieg entgegen – dabei hätte er am Morgen in Orthez am Start merken können, wie alleine er inzwischen ist. Als er an der Startlinie losrollte, kamen eine Handvoll Helfer aus seinem Team und sein nicht minder verdächtiger Kontrahent Alberto Contador mit – der Rest der 160 Fahrer blieb einfach stehen.

Die Zuschauer pfiffen, sogar die Journalisten vergaßen ihre professionelle Distanz und johlten den Streikenden ihre Zustimmung entgegen. Anders als noch 1998 nach dem Festina-Skandal richtete sich der „Fahrerstreik“, der mit seiner knapp zweiminütigen Dauer diesen Namen kaum verdiente, nicht mehr gegen die Dopingtests, sondern gegen die Gedopten. Insgesamt acht deutsche und französischen Teams, die sich am vorhergehenden Ruhetag zu einem „Bündnis für einen sauberen Radsport“ zusammengeschlossen hatten, wollten ein Zeichen gegenüber denen setzen, die den Radsport immer weiter in Richtung Abgrund stoßen. Zum Beispiel gegen Alexander Winokurow. Der Kasache, als Favorit in die Tour gestartet, war am Dienstag des Blutdopings überführt und sein Team Astana mitsamt dem Deutschen Andreas Klöden daraufhin von der Tour ausgeschlossen worden. Winokurow bestritt seine Schuld. „Ich habe nie gedopt, das ist nicht die Art, wie ich meinen Beruf ausübe“, sagte er. Sein Team startete entgegen vorheriger Ankündigungen einen Tag später schon wieder bei der Sachsentour.

Auch der Mittwoch verging nicht ohne Dopingfall. Der Italiener Christian Moreni von der Mannschaft Cofidis war bei einer Kontrolle am 11. Juli mit Testosteron-Doping aufgefallen. Die Polizei nahm Moreni vorübergehend mit, das Teamhotel wurde durchsucht. Cofidis, ironischerweise ein Angehöriger eben jenes „Bündnisses für sauberen Radsport“, zog sich daraufhin von der Tour zurück.

So halbherzig wie der Protest der selbsternannten Sauberen blieb auch die Haltung der Organisatoren. Nicht nur, dass Rasmussen weiterhin unbehelligt in Gelb auf Paris zuradeln darf, zeigt, dass die Verantwortlichen gern scharfe Anti-Doping-Rhetorik pflegen, aber Konsequenzen scheuen. „Wir brauchen eine Revolution. Nur eine Revolution ändert das System“, sagte Tour-Direktor Christian Prudhomme. Selbst initiieren wollte er diese Revolution nicht: Einen Abbruch der Rundfahrt schloss er trotz der Auflösungserscheinungen im Peloton abermals aus.

Eddy Merckx denkt da anders. Der fünfmalige Toursieger, selbst als Aktiver dem Doping nicht abgeneigt, ist zu der Erkenntnis gelangt: „Der Radsport ist am Ende. Es muss etwas Neues kommen.“

Siehe auch Leitartikel Seite 1 und „Sind die Dopingkontrollen wirksam?“ auf Seite 2. Die 17. Etappe führt heute von Pau nach Castelsarrasin (188,5 km).

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