Sport : Das zweite Gesicht

André Görke

Keine derben Sprüche. Keine Transparente. Nicht einmal ein kleines Laken hing am Zaun. Für die wenigen Fans vom FC St. Pauli interessierten sich in Cottbus nur die Polizeibeamten, die vor dem halb leeren Gästeblock standen. An der Lausitz hatte man nach den Vorfällen im Hinspiel mit dem Schlimmsten gerechnet. Über dem Stadion kreiste sogar ein Polizei-Hubschrauber.

Das Schlimmste blieb aus, die Anhängerschaft von St. Pauli verhalten, und die Cottbuser Fans hatten gar keine Gelegenheit zu stänkern. Das 4:0 ihrer Mannschaft gab einzig Anlass zu ausgelassenen Freudengesängen. Es war der fünfte Heimsieg von Energie Cottbus in Serie. Die Mannschaft hat jetzt gute Chancen, in der Liga zu bleiben.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Wer hätte damit noch im Herbst gerechnet? Damals hatte Eduard Geyer, der Trainer von Energie Cottbus, einigen Bundesligaprofis eine, sagen wir, recht lockere Arbeitseinstellung vorgeworfen - wie den Prostituierten auf der Reeperbahn. Die Quittung dafür bekam Geyer beim Spiel in St. Pauli: "Unser bester Freier - Ede Geyer", stand auf einem Transparent. Oder: "Lieber rauchen, huren, saufen - als sich an die Stasi zu verkaufen." Cottbus kam mit der höchst erhitzten Stimmung am Millerntor nicht zurecht und ging mit 0:4 unter. Der Frust saß tief bei Trainer Geyer: "Dieses Spiel hat keiner meiner Spieler vergessen."

Im Stadion der Freundschaft hatten die 16 880 Zuschauer in Folge dieser Ereignisse vom letzten Jahr ein ruppiges Spiel erwartet. Eine Begegnung mit bösen Grätschen, harten Fouls und etlichen Karten. Doch wider alle Befürchtungen spielte Cottbus disziplinierten Fußball, sehr guten sogar, und da sich St. Pauli schon nach einer halben Stunde aufgegeben hatte, war der Nachmittag für Schiedsrichter Helmut Fleischer überaus angenehm. Er musste gestern nur fünf Gelbe Karten zeigen.

Die Cottbuser agierten von Beginn an konzentriert. Nach 20 Minuten gingen sie in Führung. Spielmacher Vasile Miriuta hatte einen Eckball auf den langen Pfosten geschlagen, Beeck gewann das Kopfballduell gegen St. Paulis Cory Gibbs, und Franklin stocherte den Ball über die Linie. Zehn Minuten später umkurvte Marko Topic Cory Gibbs und traf zum 2:0. Wenig später erhöhte Topic auf 3:0. Sein Gegenspieler? Genau. Cory Gibbs.

Auf den Rängen tanzten sie schon zur Halbzeit, als hätte Energie den Klassenerhalt bereits geschafft. Doch es wird verdammt schwer. Sieben Wochen Abstiegskampf stehen noch an. Cottbus muss nach Dortmund und Kaiserslautern reisen, und seit Mitte September hat es die Mannschaft jenseits der Lausitz auf lediglich zwei Punkte gebracht. Warum nur dieser Unterschied zwischen den Cottbuser Auswärts- und Heimspielen? "Vielleicht gibt es keine Erklärung. Das ist einfach so", sagte Geyer. Vier der kommenden sieben Spiele trägt Cottbus im eigenen Stadion aus, gegen Klubs wie Freiburg, Gladbach und Köln. Das ist der große Vorteil von Energie. Geyer sagt: "Wenn wir die Leidenschaft weiter mitnehmen können, dann schaffen wir den Klassenerhalt."

Nach der 3:0-Führung hatten seine Spieler das Tempo rausgenommen, das Spiel war entschieden. Wirklich gefährlich wurden die Hamburger in Cottbus ohnehin nie. "In der zweiten Halbzeit musste Cottbus nur noch Jojo spielen. Wir haben sie ja überhaupt nicht gefordert. Cottbus hat uns vorgemacht, wie eine Mannschaft da unten spielen muss", sagte St. Paulis Trainer Dietmar Demuth. Wenige Minuten vor Abpfiff erhöhte der eingewechselte Sebastian Helbig sogar auf 4:0 für Energie Cottbus. Die Schmach vom Hinspiel war endgültig vergessen. Die Transparente, die einige Cottbuser nun doch hochhielten, gingen im kollektiven Jubel unter. Im Stadion wurde geschunkelt und gesungen. So etwas ist eh viel schöner.

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