Sport : Das zweite Wunder

Leipzig ist die Stadt der friedlichen Revolution – jetzt jubelt sie über die Chance, wieder das ganze Land mitzureißen

Ralf Hübner

Leipzig. 40 000 Menschen auf dem Marktplatz in Leipzig freuten sich, nicht Letzter geworden zu sein. Das war nach dem ersten Wahlgang in München für die deutsche Bewerberstadt für Olympia 2012. So bescheiden fing alles an. Mit jedem weiteren Wahlgang aber wuchs die Ungläubigkeit gegenüber dem, was da auf der Leinwand zu sehen war. Mädchen kreischten, reifere Frauen und Männer bedeckten vor jeder Bekanntgabe eines neuen Wahlergebnisses ahnungsvoll die Augen mit ihren Händen – um im nächsten Augenblick befreit die Arme hochzureißen und aufzuspringen. Am Ende flossen viele Tränen der Freude: Leipzig hat gewonnen.

Für die erste Anspannung hatte die Leipziger Präsentation vor den Mitgliedern des NOK gesorgt. Als zu Beginn ausgerechnet Walter Ulbricht, einer der bekanntesten Leipziger jüngerer Geschichte, mit seinem Zitat über die Mauer, die nicht gebaut werden sollte, über die Mattscheibe flimmerte, waren vereinzelt Pfiffe zu hören. Am Schluss der Präsentation aber herrschte Zufriedenheit. Sie war emotional ansprechend. Leipzig hatte sich als Stadt des Aufbruchs dargestellt, jenes Aufbruchs, den man sich in Deutschland seit längerem wünscht.

Dass Leipzig am Ende als einzige Bewerberstadt übrig bleiben sollte – das hatten viele gehofft, wirklich geglaubt hatten es nur wenige. Zu groß schien die Übermacht der Konkurrenten. Da war es wieder durchzuhören, jenes versteckte Minderwertigkeitsgefühl. Bei Leipzig ging es, vielleicht im Gegensatz zu den anderen Bewerberstädten, um mehr als die Austragung einer sportlichen Großveranstaltung.

Bei Leipzig ging es auch um das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen. Leipzig wolle nicht gewinnen, weil es im Osten liege, sondern weil es das beste Konzept habe, hatte Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) immer wieder getönt. Dennoch, eine Ablehnung Leipzigs wäre ein Dämpfer gewesen, hätte als ein Affront des Westens gegen den Osten verstanden werden können. Deshalb machte sich auch nachdenkliche Ruhe breit, als Rostock-Warnemünde den Zuspruch als Austragungsort für die Segelwettbewerbe erhielt. Der Ostbonus, den offiziell niemand wollte, auf den man aber insgeheim dennoch hoffte, schien verbraucht. Die wenigsten wussten, dass das Ergebnis der ersten Wahl zum Zeitpunkt der zweiten Wahl auch bei den Stimmberechtigten noch nicht bekannt war. Umso größer geriet der Jubel, als der Bundeskanzler schließlich doch das Wort „Leipzig" sprach. Er könne seiner Freude kaum Ausdruck verleihen, stammelte Sportminister Mannsfeld. Nach der Bekanntgabe Rostocks komme der Erfolg Leipzigs überraschend.

Ministerpräsident Milbradt nennt die Nominierung Leipzigs eine Vision für ganz Sachsen. Von den künftigen Konkurrenten New York, Moskau, Madrid, Rio, Paris oder London sprach an jenem Abend niemand.

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