Sport : Daum-Affäre: Fünf Minuten für eine schneeweiße Unschuld

Helmut Schümann

In der Stunde der vermeintlichen Not sah Christoph Daum den Fortbestand unseres demokratischen Gemeinwesens gefährdet. Er saß dabei im Pressebereich des Leverkusener Stadions, vor sich 18 Kamerateams und eine Hundertschaft schreibender Journalisten. Er hatte dazu einen im Rahmen seines Selbstverständnisses bescheidenen Auftritt gewählt, relativ dezentes blaues Tuch angelegt und eine persönliche Erklärung vorbereitet. Und weil er darin die großen Worte formulieren durfte, die "Umkehr unseres Rechtsprinzips" beklagen und "eine Abkehr von den guten Sitten unserer Gesellschaft" geißeln konnte, geriet die Stunde der Not zu einem Moment des ganz persönlichen Triumphes.

Als "Befreiungsschlag" war die Erklärung angekündigt worden, als Befreiungsschlag gegen all den Unrat, dem sich der Leverkusener Trainer seit einigen Wochen ausgesetzt sieht. Von Uli Hoeneß, Manager des FC Bayern München, war das schon seit mehreren Jahren durch die Branche geisternde Gerücht beschleunigt worden, Daum sei exzessiver Kokain-User. Der Gegenschlag nun gelang. In vier Wochen, so kündigte Daum an, werde das Ergebnis einer Haaranalyse vorliegen. Man kann schon jetzt nahezu gesichert davon ausgehen, dass Daum dann zumindest in der Öffentlichkeit schneeweiß erstrahlen wird. Wer sich derart aus dem Fenster lehnt, wer die Entnahme des Haares notariell beglaubigen lässt, weiß, was er tut.

Die Genugtuung war Daum am Montag anzusehen, dass er nun als verfolgte Unschuld dasteht, als integre Persönlichkeit, die sich nicht scheut, zur Aufdeckung der Wahrheit einen juristisch unnötigen Unschuldsbeweis anzutreten. Es wäre dann allerdings wissenschaftlich noch lange nicht bewiesen, dass Daums übersprudelnde Energie tatsächlich durch nichts außer sein Ego befeuert ist, aber das wäre schon unerheblich. Denn mit seinem ebenso kämpferischen wie rührenden Auftritt - Daum vergaß auch nicht auf seine Verantwortung gegenüber seinen Kindern hinzuweisen - reduzierte er den Streit um seine Befähigung, im Sommer das Amt des Bundestrainers anzutreten, auf den spektakulärsten, gleichwohl überflüssigsten Schauplatz: auf den des Drogenmissbrauchs.

In der persönlichen, fünfminütigen Erklärung ging Daum denn auch mit keiner Silbe auf all die anderen Vorwürfe und Unregelmäßigkeiten ein, die Bayer Leverkusens Manager Reiner Calmund schon vor Wochen, Tage vor den Koks-Hinweis durch Uli Hoeneß, zu dem Ratschlag brachten, Daum solle doch auf das Amt verzichten und in die Türkei wechseln. Nachfragen schloss Daum ausdrücklich aus: "Haben Sie bitte Verständnis dafür, dass ich heute, entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, zu keiner weiteren Diskussion zur Verfügung stehe."

Da allerdings wäre Stoff vorhanden, Stoff, der nicht so leicht zu widerlegen ist wie der Gebrauch von allzu weißem Schnee. Denn seit dem 2. Juli, seit sich die Spitzen des Deutschen Fußball-Bundes, die des FC Bayern München und von Bayer Leverkusen in Köln einigten, Daum das Amt des Bundestrainers anzutragen, ist eine Menge passiert, was den damaligen Beschluss zumindest überdenkenswert erscheinen lässt. Rein sportlich sind da die Auftritte der Nationalmannschaft unter dem Übergangstrainer Rudi Völler. Spätestens seit dem grandiosen Sieg über England am vergangenen Sonnabend in London darf, muss die Frage gestellt werden, warum ein erfolgreiches Gespann auseinandergerissen werden soll.

Aber da ist eben auch der Trainer Christoph Daum und dessen erstaunliches Selbstverständnis. Sauer stieß beim DFB auf, dass sich Daum, kaum dass er als designierter Bundestrainer bestimmt war, sich und den DFB in einer lächerlichen Werbe-Kampagne mit dem Energie-Riesen RWE als Guru des Fußballs und Erfinder des tiefen Tellers produzierte. Sauer stieß auch auf, dass seine Gehaltsforderungen, die Rede ist von einer Jahresgage von fünf bis acht Millionen Mark, doch den bisherigen Rahmen erheblich sprengte. Zumal die drei Millionen Mark, die der DFB bereit war zu zahlen, nicht gerade Nebenjobs nötig machen. Das hat ihm wenig Freunde gemacht, namentlich unter den Oberen des FC Bayern.

Und da ist eben auch die Privatperson Daum und dessen erstaunlicher Hang zur Halbwelt und dessen erstaunliches Verhältnis zur Rechtsstaatlichkeit. Inzwischen gibt es Aussagen aus dem Milieu, die Daum selbst veranlassten, von "Erpressungen aus dem Jenseits" zu sprechen. Und es gibt zwei Strafanzeigen wegen Immobilienbetrugs gegen Daum. Gerade die zweite Anzeige, am Sonnabend von der "Süddeutschen Zeitung" publiziert, bietet Anlass genug, Daums Engagement als Bundestrainer zu überprüfen. Demnach wird Daum vorgeworfen, einen ehemaligen Geschäftspartner, den dubiosen Immobilienkaufmann Jochen Kress, um vier Millionen Mark übervorteilt und darüber hinaus um Kunstgegenstände bestohlen zu haben. Harsche Vorwürfe, die die moralischen Verwerfungen eines gelegentlichen oder regelmäßigen Kokain-Gebrauchs weit überschreiten. Und eben Stoff, der Daum als Bundestrainer verhindern könnte.

Es bleibt also spannend im Streit um Christoph Daum. Den Punktsieg in der bislang letzten Runde hat er erringen können. Für heute hat Uli Hoeneß zur Pressekonferenz geladen, er wird den Gegenschlag nicht tatenlos hinnehmen.

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