Sport : Daum-Affäre: Neue Tiefschläge für den Trainer

Günter Netzer ist eigentlich nie um ein deutliches Wort in Sachen Fußball verlegen. Nun hat sich der Ex-Nationalspieler und Fernseh-Experte wieder mit ungewöhnlich scharfer Kritik hervorgetan - diesmal an Christoph Daum, dem designierten Trainer der Nationalmannschaft. "Daum ist nicht mein Fall. Ich schätze ihn als Trainer, aber seine Art gefällt mir nicht. Er ist ein Populist, ein Egoist und besessen sich selbst darzustellen", sagte Netzer am Donnerstagabend bei einer Podiumsdiskussion in Frankfurt am Main. Das Zitat dürfte für neue Aufregung in die Debatte um Daum sorgen, die sich in den letzten Tagen erst zu beruhigen schien.

Trotz seiner Kritik plädierte Netzer für Daums Amtsantritt als Bundestrainer im Juni 2001. Die Absprachen seien getroffen und müssten nun eingehalten werden, obwohl der Trainer von Bayer Leverkusen im Gegensatz zum derzeitigen Teamchef Rudi Völler kein Sympathieträger sei. Netzer: "Im Juni waren wir froh, einen guten Trainer gefunden zu haben. Jetzt haben wir drei. Verträge müssen eingehalten werden, auch wenn sie keine Verbesserung darstellen."

Auch bei Leverkusen wird inzwischen massive Kritik am eigenen Trainer laut. "Daum ist ein Selbstdarsteller. Nach Siegen stellt er sich hin und tut so, als ob er der Gewinner ist. Bei Niederlagen sind es immer individuelle Fehler der Mannschaft", sagte der von Daum derzeit nicht berücksichtigte Andreas Neuendorf der "Bild"-Zeitung. Wegen seiner Differenzen mit Daum hatte sich Neuendorf für zwei Jahre an Hertha ausleihen lassen. In Berlin wurde er zum Kandidaten für die Nationalelf, musste jedoch gegen seinen Willen nach Leverkusen zurückkehren. "Am liebsten würde ich Daum nie wiedersehen. Er hat ein absolut linkes Spiel mit mir getrieben", resümierte der 25-Jährige.

Völlers Assistent Michael Skibbe stellte unterdessen klar, dass er auch im Falle eines Rückziehers von Daum nicht weiter als Bundestrainer tätig sein wolle. "Die Situation ist eindeutig. Das wäre mir nicht möglich. Ich werde andere Betätigungsfelder haben", sagte Skibbe. Der 34-Jährige möchte an führender Stelle im DFB-Nachwuchsbereich arbeiten. Skibbe betonte, er zweifle nicht am geplanten Trainerwechsel von Völler zu Daum. Netzer sieht das offenbar ähnlich. Er wertete Daums Andeutung, er könne auch ein Engagement in der Türkei annehmen, als "Schrei nach einem Liebesbeweis".

Mit Medienschelte kommentierten Netzer und Skibbe die derzeitige Affäre um Uli Hoeneß. "Es gibt heute eine unglaubliche Transparenz. Weil nichts im Verborgenen bleibt, werden für eine Story auch Dinge erfunden. Wir sind dem Ballyhoo der Medien häufig ausgeliefert", sagte Skibbe. Die Medienwelt habe sich im Vergleich zu seiner aktiven Zeit "auf den Kopf gestellt", betonte Netzer. So habe er seinen Dauerstreit mit Trainer-Legende Hennes Weisweiler damals weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit austragen können. Allerdings sei die Aggressivität der Medienlandschaft auch hilfreich. "Alles ist so schnelllebig. Da wird die ganze Sache auch bald in Vergessenheit geraten", tröstete sich Netzer.

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