Sport : "Daum hat uns kräftig in den Arsch getreten"

Herr Kirsten[Sie sind Deutschlands erfolgreichste]

Der Fußballer über Bayer Leverkusens Titelchancen, über Italien, die Nationalmannschaft und seine Zukunft

Ulf Kirsten (34) war 1990 "Fußballer des Jahres" der DDR. Für eine Ablösesumme von 3,8 Millionen Mark wechselte er im selben Jahr von Dynamo Dresden zu Bayer Leverkusen. In der Bundesliga war er 1993, 1997 und 1998 Torschützenkönig. Kirsten hat 49 Spiele für die DDR und seit der Wende xx Spiele für das wiedervereinigte Deutschland bestritten.

Herr Kirsten, Sie sind Deutschlands erfolgreichster Stürmer, einer, der stets alles gibt. Dabei allerdings schießen Sie manchmal übers Ziel hinaus. Selbst wenn alles bestens läuft, müssen Sie vom eigenen Trainer vor sich selbst geschützt werden, wie am Samstag in Ulm, als Sie ausgewechselt wurden, um einer Roten Karte zu entgehen.

Das war in dieser Saison das erste Mal; wenn Sie das Spiel gesehen hätten, wüssten Sie, dass die erste Gelbe Karte völlig unberechtigt war. Christoph Daum hat mich dann vorsichtshalber rausgenommen. Hätte es zu diesem Zeitpunkt noch 0:0 geständen, wäre ich kaum gegangen.

Dennoch sind Sie ein Spieler, der nicht zum ersten Mal durch große Aggressivität aufgefallen ist.

Vielleicht wäre es besser, im Spiel wie ein Weichei aufzutreten. Aggressivität hat für mich nichts mit Unfairness zu tun. Ich habe diese Spielweise seit Jahren und werde sie auch beibehalten.

Beim Spiel gegen die Bayern hat Ihrer Mannschaft diese Aggressivität gefehlt. Haben Sie damals daran geglaubt, dass Bayer doch noch eine Titelchance haben könnte?

Vom Ergebnis her war das eine deprimierende Niederlage, in spielerischer Hinsicht waren wir die bessere Mannschaft. Ich war schon damals davon überzeugt, dass die Meisterschaft noch längst nicht entschieden ist.

Was hat Christoph Daum getan, um der Mannschaft den Glauben an die Meisterschaft zurückzugeben?

Er hat uns kräftig in den Arsch getreten. Wir haben mehr trainiert und sind die nächsten Spiele konzentrierter angegangen. Wir hatten nichts mehr zu verlieren, wir waren abgeschlagen, niemand hat mehr einen Pfifferling für uns gegeben.

Sie selbst hatten vor dem Spiel gegen die Bayern gefordert, dass sich "der Trainer mehr zeigen muss". Nach dem Spiel hat sich aber vor allem Ihr Manager Reiner Calmund gezeigt.

Dass sich die Presse darauf stürzt, ist ganz normal. Die Worte, die Calmund in der Öffentlichkeit gefunden hat, waren richtig. Die deutlichen Worte vor der Mannschaft hat aber Christoph Daum gesprochen.

Deutliche Worte finden auch Sie oft. Dafür bekommen Sie "zuerst von der Mannschaft eins auf die Fresse", wie Sie kürzlich gesagt haben. Wünschen Sie sich, dass auch andere bisweilen mehr Mut zeigen würden?

Wir haben eine sehr junge Mannschaft. Viele sind vom Typ her nicht diejenigen, die sich in der Öffentlichkeit äußern würden. Verlangen muss man das aber von Jens Nowotny oder von dem ein oder anderen Nationalspieler, wie Emerson oder Robert Kovac. Dazu kann man aber niemanden zwingen, darauf müssen die selbst kommen.

Selbst darauf kommen müsste eigentlich auch Zé Roberto, dass momentan der denkbar ungünstigste Zeitpunkt ist, zu erzählen, was für ein schönes Land doch Italien sei .

Gehen Sie in die Kabine und fragen Sie mal nach Italien, dann werden Ihnen wahrscheinlich 80 Prozent der Spieler sagen, was für ein wunderbares Land das ist.

Es gibt aber günstigere Augenblicke, um über die geografischen Vorteile Italiens zu sprechen. Im Übrigen geht es Zé Roberto wohl auch eher um einen Wechsel in die Serie A .

Er hat hier einen Vertrag bis 2003, er kann dennoch seine eigene Meinung vertreten. Ich habe auch noch ein Jahr Vertrag und sage, dass ich gern in England spielen würde. Ich bin aber sicher, dass er hier nicht aus seinem Vertrag kommt.

Und Christoph Daum, kommt der aus seinem Vertrag, um in die Türkei zu gehen?

Ich bin überzeugt davon, dass Christoph Daum nicht nach Istanbul geht, sondern auch in der nächsten Saison mein Trainer ist.

Sie sind der unbestrittene Topstürmer der letzten zehn Jahre. Warum hat Ihnen nie ein Bundestrainer, welcher es auch immer war, das volle Vertrauen gegeben?

Das müssen Sie den jeweiligen Bundestrainer fragen.

Sie werden sich sicherlich Ihre eigenen Gedanken gemacht haben.

Ich bin diesbezüglich zu keinem Schluss gekommen. In den ersten Jahren haben Rudi Völler und Jürgen Klinsmann sehr gut miteinander harmoniert, 1998 waren es Bierhoff und Klinsmann. Alles in allem bin ich aber ziemlich ratlos.

Ist Ihr Verhältnis zu Erich Ribbeck belastet aus der Zeit, als Ribbeck noch Trainer in Leverkusen war?

Überhaupt nicht. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Auch wenn es damals ein paar Meinungsverschiedenheiten gegeben hat, haben wir uns immer in die Augen schauen können. Daran kann es jedenfalls nicht liegen, dass ich nicht gespielt habe.

War es ein Fehler, öffentlich einen Stammplatz zu fordern, wie Sie das kürzlich getan haben?

Das kann gar kein Fehler gewesen sein, weil das meine eigene Meinung ist, und zu der stehe ich. Keiner kann mir meine Meinung verbieten.

Wären Ihre Chancen in der DFB-Elf gestiegen, wenn Sie, wie viele Ihrer Kollegen, auch ins Ausland gegangen wären? Schließlich ist es eher atypisch, dass jemand von Ihrer Klasse so lange einem Klub die Treue hält.

Vielleicht ist aber gerade die lange Zeit an einem Ort der Grund dafür, dass ich so gut war.

Ihr Vertrag läuft 2001 aus, schon nach dieser Saison aber sollen Sie ablösefrei wechseln dürfen; anderseits heißt es, man wolle schon jetzt bis 2002 mit Ihnen verlängern.

Ich hatte eine mündliche Zusage von Reiner Calmund, nach der Saison ablösefrei wechseln zu können. Die hat er zwar wieder dementiert, aber wir werden uns auf jeden Fall demnächst zusammensetzen.

Vor einiger Zeit haben Sie darüber nachgedacht, Ihrem ehemaligen Trainer Bernd Stange nach Perth zu folgen.

Ich möchte noch eine andere Sprache kennen lernen, in Australien oder den USA. Dort könnte ich dann meine Karriere ausklingen lassen. Mit Stange habe ich zuletzt Anfang des Jahres gesprochen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter.

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