Sport : DDR-Doping: "Der Trunk wird aufs Zimmer gebracht"

Robert Ide

Eigentlich ist es kein Geheimnis mehr: Im DDR-Spitzensport wurde systematisch und heimlich gedopt. Aber umso mehr über die Praxis bekannt wird, desto unheimlicher wird das Heimliche. Inzwischen scheint klar, dass viele Sportler nichts von der Einnahme der gesundheitsschädlichen Cocktails gewusst haben. So wie die Biathleten. Am Wochenende sind Stasi-Akten aufgetaucht, die das versteckte Dopen in der Biathlon-Nationalmannschaft der DDR belegen.

Ein Physiotherapeut aus Oberhof mit dem Stasi-Decknamen "Peter Maier" war 1981 dabei, als den Spitzensportlern im Trainingslager im schweizerischen Pontresina heimlich Anabolika verabreicht wurden. Das anabole Steroid Oral-Turinabol sei aufgelöst als "Wiederherstellungstrunk" getarnt gewesen, zitiert der "Spiegel" aus den Akten. In einem Stasi-Bericht des Physiotherapeuten hieß es weiter: "Der Trunk wird angefertigt, in Flaschen gefüllt und dann auf das Zimmer persönlich gebracht."

Im thüringischen Oberhof, inzwischen Leistungszentrum des Deutschen Skiverbandes, platzte die Nachricht mitten in die Sonntagsruhe. "Das kann doch alles kein Zufall sein", klagt die Sprecherin des WSV Oberhof, Claudia Götze. "Immer wenn wir denken, jetzt haben wir endlich Ruhe, gibt es die nächste Stasi-Doping-Geschichte." Biathlon-Bundestrainer Frank Ullrich - soeben aus einem Trainingslager aus Finnland zurückgekehrt - war am Sonntag nicht zu erreichen. Beim einstigen Olympiasieger lief nur der Anrufbeantworter.

In Oberhof ist das DDR-Doping seit dem Umbruch 1989/90 immer wieder zum Thema geworden. Ein Sportmediziner bekam nach Doping-Vorwürfen im vergangenen Jahr einen Strafbefehl über 11 700 Mark zugestellt. Bei den neuesten Enthüllungen steht mit Frank Ullrich einer der erfolgreichsten deutschen Biathleten im Mittelpunkt - als Opfer. Den Akten zufolge gehörte er zu den Konsumenten des Dopinggetränks, das vom Verbandsarzt gemixt und heimlich verabreicht worden sein soll.

Warum aber wurde die Einnahme vertuscht? "Doping war Staatsgeheimnis", erklärt Klaus Zöllig vom Verein "Doping-Opfer-Hilfe e.V." auf Nachfrage. Nach den Worten Zölligs tauchen in Stasi-Akten aus den achtziger Jahren verstärkt Hinweise auf, dass sich Sportler gegen die "unterstützenden Mittel" aus dem Arzneischrank zur Wehr setzten. Besonders Skilangläuferinnen weigerten sich, die als "Blaue Bohnen" verspotteten Anabolika einzunehmen, weil sie mit körperlichen Schäden rechneten oder Beeinträchtigungen für ihr Sexualleben fürchteten. Auch bei den Sportversammlungen der Eisschnellläufer in Dresden wurden Mitte der achtziger Jahre immer kritischere Töne laut. Zöllig: "In solchen Fällen gab die Stasi die Weisung aus, die Sportler in Einzelgesprächen auf Linie zu bringen. Notfalls wurden sie aus Kader geworfen."

Inzwischen versuchen immer mehr Opfer des Staatsdopings, gerichtlich eine Wiedergutmachung zu erzwingen. Einige Langläuferinnen, die nach ihrem Karriereende behinderte Kinder zur Welt gebracht haben, wollen die verantwortlichen Trainer und Funktionäre verklagen. Zu DDR-Zeiten wurden sie in dem Glauben gelassen, ihnen würden Vitaminspritzen verabreicht. Laut Stasi-Protokollen enthielten die Injektionen jedoch das männliche Sexualhormon Testosteron.

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