DDR-Dopingsystem : Dürfen belastete Trainer weiter arbeiten?

Knapp 20 Jahre nach dem Mauerfall wird immer noch über Trainer diskutiert, die ins DDR-Dopingsystem vestrickt waren oder für die Stasi gearbeitet haben. Eine Analyse.

Friedhard Teuffel
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Vor Gericht. Leichtathletiktrainer Werner Goldmann am Montag vor dem Arbeitsgericht in Darmstadt.Foto: dpa

Manchmal wirkt der Sport in Deutschland so schwer, weil er so viel historischen Ballast mit sich herumträgt. Mit verlässlicher Regelmäßigkeit taucht vor jedem Großereignis eine Akte oder ein belastender Zeuge auf: Vor den Olympischen Winterspielen 2006 ging es um Eiskunstlauftrainer Ingo Steuer und seine Tätigkeit für die DDR-Staatssicherheit, vor den Sommerspielen 2008 um Leichtathletiktrainer Werner Goldmann und seine Verstrickung ins DDR-Dopingsystem. Er klagt gerade gegen den Deutschen Leichtathletik-Verband auf Wiedereinstellung, am 9. April wird der Prozess fortgesetzt. 

Es ist auf den ersten Blick paradox, dass gerade der Sport keinen Umgang mit seinen Altlasten findet. Er nimmt schließlich für sich in Anspruch, der Ort schlechthin für Resozialisierung und Integration zu sein. Dennoch sagt die Autorin und frühere Weltklasse-Sprinterin Ines Geipel: „Wir werden alt über diese Diskussion.“ Geht es tatsächlich noch so lange weiter, bis alle Trainer mit DDR-Biografie im Ruhestand sind? Wenn Ingo Steuer bis 67 arbeitet, wäre es dann 2033 so weit.

Auch das Doping im Westen aufarbeiten

Dass der Sport die Vergangenheit nicht los wird, ist andererseits verständlich. Das Thema war zu lange kein Thema. Der gesamtdeutsche Sport, dominiert von westdeutschen Funktionären, hat sich gerne der DDR-Trainer bedient – ohne die Frage laut zu stellen, um welchen Preis viele Goldmedaillen gewonnen wurden.

Erst die Aufklärung der ehemaligen Leichtathletin Brigitte Berendonk und ihres Mannes Werner Franke, ihre Strafanzeigen wegen Kinderdopings, warfen ein Licht auf das Wettrüsten der Athletenkörper im Kalten Krieg. Nicht zu vergessen: Mit einer Aufarbeitung des DDR-Staatsdopings hätte auch die des westdeutschen Privatdopings einhergehen müssen. Verfolgt worden ist es jedoch kaum. Das erste Urteil gegen frühere Sportärzte und Trainer wegen Beteiligung am DDR-Doping wurde 1998 gesprochen. Eine grundsätzliche Lösung ist auch jetzt – mehr als zehn Jahre später – nicht in Sicht.

Zweite Chance oder fristlos entlassen?

Immerhin aber gibt es Vorschläge. Da ist zum einen der einer zweiten Chance für belastete Trainer aus Ost und West, eingebracht von Peter Danckert, dem Vorsitzenden des Bundestags-Sportausschusses. Und am anderen Ende der Skala der einer gnadenlosen Bestrafung durch Entlassung aller, die früher am Spitzeln und am Spritzen beteiligt waren, vertreten durch manches Dopingopfer. Der Ausweg ist auch deshalb schwer, weil vieles im Weg steht: zuerst das Leiden der Opfer, organische Schäden, chronische Krankheiten, unmöglich gewordene Kinderwünsche. Lange sind die Opfer totgeschwiegen worden, erst vor kurzem wurde ihnen eine Entschädigung gezahlt.

Dann gibt es die Athleten von heute. Kann man ihnen, wie im Fall des Diskuswerfers Robert Harting, jetzt vor der WM in Berlin auf einmal den Trainer Goldmann wegnehmen, weil etwas verhandelt wird, was vor beinahe 20 Jahren hätte aufgearbeitet werden können? Auf der anderen Seite haben Verbände inzwischen in manchen Fällen versucht, Brücken zu bauen. Ein Entgegenkommen der Beschuldigten gab es so gut wie nie.

Steuergeld für belastete Trainer

Es geht auch um Steuergeld. Dürfen belastete Trainer aus öffentlichen Mitteln bezahlt werden? Das Bundesinnenministerium hat das im Fall Ingo Steuer abgelehnt. Also müssten die Trainer sich um eine private Finanzierung kümmern, was in vielen Fällen unmöglich sein wird, weil so viel staatliches Geld direkt oder durch Mischfinanzierungen im Leistungssport steckt und Anti-Doping-Klauseln in Sponsorenverträgen zunehmen.

Nach 15 Jahren wäre eine lebenslange Freiheitsstrafe abgesessen – die Trainer müssen sich immer noch verantworten. Es hat aber auch keine Bestrafung stattgefunden, abgesehen von einer: der öffentlichen Bloßstellung. Goldmann und Steuer müssen in fast jedem Beitrag über sich lesen oder hören, dass sie Doper oder Stasispitzel sind (was Goldmann bestreitet). Man sollte nicht unterschätzen, wie gnadenlos die Öffentlichkeit sein kann. Genauso wenig, wie man ausblenden sollte, dass manche Opfer ihr ganzes Leben unter den Folgen leiden.

Eine symbolische Bewährungsstrafe wäre vielleicht ein Weg. Bei einer Bewährung geht es auch darum, ob die Gefahr einer Rückfälligkeit besteht. Im Fall der Stasi-Mitarbeiter ist die Gefahr nicht mehr da, die Versuchung des Dopings ist aber noch vorhanden. Die Trainer müssen zu erkennen geben, dass sie einen Bewusstseinswandel durchgemacht haben.

Menschlich verständliche Reaktionen

Im Fall Goldmann etwa will der aus dem Westen stammende Bundestrainer Herbert Czingon zwar nicht ins laufende Verfahren eingreifen, sagt aber: „Ich kenne ihn als Trainer, der gute und saubere Arbeit geleistet hat.“ Czingon missfällt die ganze Debatte: „Sich einen rauszupicken und auf der individuellen Schuld rumzureiten, geht nicht. Es war eine andere Kultur in der DDR. Da kann man nicht von individueller krimineller Energie ausgehen.“ Aber warum muss das Czingon für Goldmann erklären? Kann er es nicht selbst? Die Sprachlosigkeit macht es nicht leichter. Jedoch: Warum sollte einer allein nach vorne preschen und nicht nur zu seiner persönlichen Schuld stehen, sondern auch noch die Schuld eines ganzen Systems schultern? Es gibt so viele menschlich verständliche Reaktionen.

Das Mindeste ist, die belasteten Trainer, die keinen Beitrag zur Aufklärung leisten und keine Reue zeigen, nicht mehr im Nachwuchssport einzusetzen. Sie dürften nur noch Sportler trainieren, die wenigstens vom Alter her in der Lage sein sollten, sich eine eigene Meinung zu bilden über die Abgründe, die es im Sport gegeben hat und immer noch gibt.

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