Sport : DDR-Eisschnelllauf: Die neue Eiszeit

Robert Ide

Eines Tages wusste die Mutter keinen Rat mehr. Ihre dreijährige Tochter tobte immer durchs Wohnzimmer, wenn sie ins Bett sollte. Jeden Abend. "Was soll ich nur mit Claudia machen?", fragte sie den Kinderarzt. Der Doktor meinte: "Die Kleine muss zum Sport." Kurze Zeit später spielte Claudia in einem Eislauf-Kindergarten. Mit dem Bus wurde sie abgeholt und zum Training gefahren. Jeden Nachmittag. Abends fiel sie müde ins Bett. So einfach war das. Damals.

Stillsitzen hat Claudia Pechstein inzwischen gelernt. Ihr aufrechter Rücken drückt sich an eine harte Stuhllehne in der Gaststätte "Arena" im Sportforum Hohenschönhausen. Hier stehen alte Messing-Garderobenständer in der Ecke, unter den Fenstern hängen gelbliche DDR-Heizkörper. Und doch hat sich einiges verändert. Früher, als Pechstein im Sportforum zum ersten Mal auf Schlittschuhen stand, war Eislaufen die große Nummer. Die "Kufenflitzer" waren Medaillenlieferanten im DDR-Sport. Heute hängen an den holzvertäfelten Wänden der "Arena" Plakate von den Eishockeyprofis der Eisbären und den Amateur-Fußballern vom BFC Dynamo. Es gibt Dinge, die wichtiger sind als Eisschnelllaufen. Wichtiger als Randsport.

Claudia Pechstein streckt ihre Hände nach oben und krümmt die Finger. In der Luft über dem Tisch deutet sie zwei Anführungszeichen an. Dabei spricht sie dieses Wort nach, langsam und abfällig: Randsport. Pechstein setzt mit ihren Fingern gerne Anführungszeichen. Etwa, wenn sie feststellt: "Ich gehöre zur alten Garde." Oder wenn sie sagt: "Wir sind DDR-Kinder." Alte Garde, DDR-Kinder, Randsport - das sind die drei Begriffe, die das Problem im Eisschnelllauf beschreiben. 52 Jahre nach Gründung der DDR und elf Jahre nach ihrem Untergang sind Sportlerinnen aus dem Osten immer noch erfolgreich. Doch Stars sind sie nicht mehr. Pechstein ist so eine. Die 29-Jährige durchlief die sozialistische Kinder- und Jugendsportschule (KJS), feierte erste Erfolge mit Hammer und Sichel auf der Brust. Heute prangt auf ihrem Anzug der Bundesadler. Sie läuft Weltrekorde, bei Olympia wird für sie die deutsche Hymne gespielt. Aber kaum einer bemerkt es.

"Wir sind keine Vorbilder mehr", klagt ihre Berliner Kollegin Monique Garbrecht-Enfeldt, "früher waren die Leute stolz auf uns." Die 32-Jährige sitzt in der Leichtathletikhalle auf der Tartanbahn und gönnt sich einen Schluck Wasser aus der Flasche. Die Hanteln hat sie aus der Hand gelegt, jetzt dehnt sie ihre Beine im Schneidersitz. Ein paar Mädchen rennen vorbei, drehen Trainingsrunden. Beim Vorbeilaufen treten sie Garbrechts Flasche um und lachen. "He, wollt ihr die nicht wieder hinstellen?", fragt Garbrecht entrüstet. Die Kids kichern. Irgendwann dreht sich ein Mädchen um und hebt die Flasche auf. Idole werden anders behandelt.

Früher waren sie Respektpersonen, Diplomaten im Trainingsanzug. Erich Honecker ehrte die erfolgreichen Olympioniken als "Sendboten des Sozialismus". Es gab Anerkennung. "Und trotzdem", erinnert sich Garbrecht-Enfeldt, "waren wir verschlossen, schüchtern." Die jungen Talente durften keinen Fehler machen. Inzwischen verdienen jene Sportler das meiste Geld, die sich gut vermarkten. Sportler, die locker sind, nicht schüchtern. Garbrecht klatscht in die Hände. "Hast Du was Interessantes zu erzählen?", fragt sie im Ton eines Moderators. Wieder klatscht sie in die Hände. "Oder willst Du Dich ausziehen?" Wenn Monique Garbrecht-Enfeldt Fernsehen guckt, dann sieht sie nur Fußballer und Rennfahrer. Und abends sieht sie den Schauspieler Heiner Lauterbach, der mit Alfred Biolek über seine Pubertät plaudert. "Wie locker die da reden können", staunt die Sportlerin. Was würde sie denn erzählen, wenn sie gefragt werden würde? Garbrecht denkt nach. Sie nimmt ihre rechte Hand und zählt an ihren Fingern ab: "Na, erstens, dass ich einen neuen Schlittschuh habe. Und dann, dass ich in Frankreich im Trainingslager war. Und drittens, dass es auf dem Eis ganz gut läuft bei mir." Garbrecht versucht zu lächeln. Wie die im Fernsehen.

Woher soll sie kommen, die Anerkennung für die letzten Oststars? Gunda Niemann-Stirnemann zuckt mit den Schultern. Sie ist die Erfolgreichste überhaupt, 19 Mal gewann sie bei Weltmeisterschaften, drei Mal bei Olympia. Sie wurde einst vom Staat unterstützt, als Schützling einer kinderreichen Familie. "Ich hatte Ziele. Ich habe sie erreicht", strahlt sie, ihre blauen Augen sind weit geöffnet. Früher hat ihr Werdegang für eine Heldengeschichte getaugt: Bei der Leichtathletik hat man ihr gesagt, sie sei zu klein und dick. Zum Radfahren wollte sie nicht. Dann hat sie es auf dem Eis versucht. Niemand hat ihr das zugetraut, doch sie hat sich Anerkennung erkämpft. Wenn ihre Freundinnen ins Café gingen, trabte sie mit dem Turnbeutel zum Training. "Der Sport hat mir eine Festigung gebracht", erzählt sie und öffnet wieder die Augen. Festigung - das Wort scheint es nicht mehr zu geben. Und Heldengeschichten über den Eisschnelllauf auch nicht.

Viele Kinder lassen sich nicht mehr für Leistungssport begeistern, erzählt Niemann-Stirnemann. Inzwischen gebe es mehr Möglichkeiten: Fernsehserien am Vorabend, Computerspiele, Reisen. Viel Verlockendes. "Hartes Training wirkt da abschreckend."

Gunda Niemann-Stirnemann geht wohl in ihre letzte Saison. Die 35-Jährige will noch mal zu Olympia, was erreichen. Danach möchte sie sich für den Nachwuchs engagieren, Talente auch aus ärmeren Familien fördern. Die Ära der ostdeutschen Eis-Stars soll nicht zu Ende gehen. Bald wird es eine neue Eishalle in Erfurt geben. Doch wenn die Halle richtig eingeweiht ist, wird Gunda Niemann-Stirnemann an der Bande stehen.

Was passiert, wenn die Oststars keine Medaillen mehr holen? Gut, es gibt noch Anni Friesinger. Die junge Läuferin aus dem bayerischen Inzell hat das Medienhandwerk gelernt. Locker hat sie ausgeplaudert, dass sie die strengen ostdeutschen Trainingsmethoden nicht mag und keine Lust hätte, ihren Trainer zu siezen. Das hat die alte Garde nicht amüsiert. Nun überlegen sie in Hohenschönhausen, was alles anders werden müsste.

Claudia Pechstein hat die Konsequenz gezogen, sich nur noch auf sich zu konzentrieren. Monique Garbrecht-Enfeldt regt an, beim nächsten Weltcup in Berlin Rasseln an die Zuschauer zu verteilen. Gunda Niemann-Stirnemann will auch Positives aus der DDR bewahren. Die Kinder- und Jugendsportschule in Erfurt zum Beispiel. Drei Wege aus der ostdeutschen Nische. Drei Hoffnungen.

Ja, Hoffnung haben sie noch. Für die Zeit danach. Irgendwann, so glauben sie, wird Eisschnelllauf wieder mehr sein als Randsport. Die Karrieren der DDR-Kinder werden dann vorbei sein. "Irgendwie", sagt Monique Garbrecht-Enfeldt, "sind wir übrig geblieben." Dann stellt sie ihre Flasche Wasser wieder auf die Tartanbahn. Die Kinder haben längst aufgehört, Runden zu drehen.

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