Sport : DDR-Sportfunktionär gibt Doping von Minderjährigen zu

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Berlin - Man muss das am Donnerstag erscheinende Buch „Zwei Seiten der Medaille“ von Thomas Köhler nicht lesen. Auf 236 Seiten blickt der ehemalige ranghohe Sportfunktionär zurück auf sein 70-jähriges Leben. Das gerät altmodisch und langatmig, vor allem, wenn er jedes Detail seiner Rodelkarriere erzählt („Bei den DDR-Juniorenmeisterschaften von 1959 in Oybin im Zittauer Gebirge erreichten Peter Weiß und ich die ersten beiden Plätze...“). Ab Seite 190 allerdings wird es interessant. Dann kommt das Thema Doping zur Sprache .

Thomas Köhler gibt als erster hochrangiger Sportfunktionär flächendeckendes Staatsdoping in der DDR zu. „Wenn also die DDR weiterhin im internationalen Sportgeschehen erfolgreich mithalten wollte, blieb nichts anderes übrig, als den Einsatz von Dopingmitteln zu gestatten“, schreibt der ehemalige Olympiasieger im Rodeln. Auch Minderjährigen-Doping im Schwimmen bestätigt der ehemalige Vizepräsident des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB), er beschönigt aber: „Wenn Sportler bereits ab dem 16. Lebensjahr beteiligt wurden, geschah das vor allem unter Beachtung ihres biologischen Reifegrades und in besonderer Verantwortung und Kontrolle ihrer Sportärzte.“ Auffallend ist, dass er vor allem den Sportlern die Verantwortung für das Doping zuschiebt. „Alle Mittel wurden im Einvernehmen mit dem Sportler verabreicht“, schreibt er.

Thomas Bach begrüßte das Eingeständnis. „Die Aussagen von Thomas Köhler bringen mehr Klarheit in die Aufarbeitung der Dopinggeschichte“, sagt der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. Bei der ehemaligen Sprinterin und Dopingopfer Ines Geipel aber kommen die Aussagen nicht gut an. „Das Buch enthält absolut nichts Neues, ist aber komplett verantwortungslos“, sagte sie, „vor allem ist es eine Lüge und eine Verklärung seiner Verantwortung im DDR-Sport.“

Laut Köhler hätte sich die DDR-Verantwortlichen für eine „sachgerechte und medizinisch kontrollierte Anwendung ausgewählter Dopingmittel“ entschieden. Fachärzte hätten die Vergabe von leistungssteigernden Mitteln überwacht. „Schwere gesundheitliche Zwischenfälle oder sogar Todesfälle, die in anderen Ländern durchaus vorkamen, passierten in der DDR nicht“, behauptet Köhler, obwohl das bei den DDR-Doping-Prozessen zwischen 1998 und 2000 von zahlreichen geschädigten Sportlern widerlegt wurde.

Köhler schreibt, ihm fehle jedes Verständnis, wenn Sportler heute alle Schuld den Ärzten, Trainern und Funktionären zuschieben. „Es stimmt nicht, dass Sportler, die es ablehnten, unerlaubte Mittel zu nehmen, ihre Kaderzugehörigkeit verloren hätten.“ Er nennt die Rodlerinnen Ute Rührold, Margit Schumann und Eva-Maria Wernicke, die wegen der Angst um ihre Figur Doping ablehnten – und trotzdem bei Olympia- und WM- Medaillen gewannen. Das dürfte der Langlauftrainer Henner Misersky allerdings anders sehen. Er hatte sich in der DDR geweigert seiner Tochter Dopingmittel zu verabreichen – und wurde fristlos entlassen. Tsp/dpa

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