Deaflympics : Gehörlose Berliner Sportler kämpfen um Medaillen

Bei den Olympischen Spielen der Gehörlosen treten derzeit in Taiwan 3595 Athleten aus 81 Ländern gegeneinander an. Mit dabei ist auch der Berliner Badmintonspieler Oliver Witte.

Katja Reimann
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Hofft auf eine Medaille im Mixed. Badmintonspieler Oliver Witte. -Foto: promo

Das Quietschen der Gummisohlen auf dem Hallenboden, das Surren des Federballs in der Luft – Oliver Witte kann es nicht hören. Doch durch die Maschen des Badminton-Netzes sieht er alles, verfolgt er jede kleinste Bewegung seines Gegners, versucht, jedes feinste Täuschungsmanöver sofort zu erkennen. „Wir müssen ein bisschen mehr tricksen“, sagt Oliver Witte. Und mit „wir“ meint er all diejenigen, denen die Augen sagen, was die Ohren nicht hören können: Schwerhörige und Gehörlose. Witte ist von Geburt an schwerhörig und spielt Badminton seitdem er sechs Jahre alt ist.

Nun, mit 31 Jahren, zählt der Berliner zu den besten gehörlosen Badminton-Spielern. Bei den 21. Deaflympics, den Olympischen Spielen der gehörlosen Sportler, geht er deshalb für Deutschland an den Start. Insgesamt 159 deutsche Sportler reisten in den vergangenen Tagen für die Deaflympics nach Taipeh in Taiwan, wo die Spiele vom 5. bis zum 15. September stattfinden. 15 von ihnen kommen aus Berlin. Insgesamt werden 3959 Athleten aus 81 Ländern in 19 Disziplinen gegeneinander antreten. Die größten Medaillenhoffnungen im deutschen Team seien die Schwimmer, sagt Katja Kluttig vom Deutschen Gehörlosen-Sportverband (DGS). Björn Koch zum Beispiel, der Schmetterling über 50, 100 und 200 Meter schwimmt und schon mehrere Weltrekorde aufgestellt hat. Doch auch in den Mannschaftssportarten haben die Deutschen gute Chancen: Das Fußballteam der Männer etwa gewann 2008 die Weltmeisterschaften der Gehörlosen.

Oliver Witte, der in Berlin in der zweiten Mannschaft der Sportgemeinschaft Empor Brandenburger Tor 1952 (EBT) spielt, sagt, dass er und seine Mixed-Partnerin Saskia Fischer in Taiwan vielleicht auch eine Medaille gewinnen könnten. Dreimal haben sie gemeinsam bereits bei Europameisterschaften gesiegt, haben Bronze bei Weltmeisterschaften geholt. Auf dem Spielfeld verstehen sie sich problemlos – auch ohne Zeichen und Worte. Fürs Einzel rechnet sich Witte weitaus geringere Chancen aus: „Ich bin froh, wenn ich ins Halbfinale komme“, sagt er. Dahinter steckt keine falsche Bescheidenheit, sondern realistische Einschätzung, meint er. Denn in diesem Jahr sind zum ersten Mal auch Spieler aus China bei den Deaflympics dabei. Und China sei nun mal die Nummer eins im Badminton, sagt Witte und ergänzt: „Ich befürchte, dass die relativ stark sind.“ Oliver Witte ist nicht zum ersten Mal bei Deaflympics am Start. 2001 war er in Rom dabei, 2005 in Melbourne. 10 bis 12 Stunden trainierte er zuletzt pro Woche, jeden Abend, nach seiner Arbeit als Tischler. Er freut sich sich, in Taiwan viele alte Bekannte aus anderen Ländern wieder zu treffen.

Sprachbarrieren, wie es sie zwischen Sportlern bei internationalen Wettkämpfen gelegentlich gibt, existieren bei den Deaflympics nicht. Die Gebärdensprache ist ihr Esperanto, hier spricht jeder mit jedem. Nur wenige Gebärden, etwa bei speziellen Dialekten, seien unterschiedlich, sagt Witte. Seit 1949 finden die Deaflympics statt. Im Abstand von vier Jahren, genau wie die Spiele der Hörenden auch. Die Sportler bei den Deaflympics werden jedoch nicht wie bei den Paralympics, den Olympischen Spielen der Behinderten, gemäß der Schwere ihres Handicaps in Schadensklassen eingeteil. Bei den Spielen der Gehörlosen darf teilnehmen, wer einen Hörverlust von mindestens 55 Dezibel hat. 110 Dezibel, erklärt Oliver Witte, sei gehörlos.

Hörgeräte sind bei den Deaflympic-Wettbewerben verboten. Weil so kein Sprinter je einen Startschuss hören würde, gibt es in vielen Sportarten spezielle visuelle Signale, zum Beispiel Fahnen. Rein theoretisch jedoch dürfte ein gehörloser Sportler auch bei gewöhnlichen Olympischen Spielen teilnehmen. Das bekannteste Beispiel ist der 29-jährige Südafrikaner Terence Parkin, der in Sydney 2000 Silber über 200-Meter-Brustschwimmen gewann und im Jahr darauf bei den Deaflympics in Rom auf den Startblock stieg.

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