DEB-Präsident Harnos: : „Alles ist in die Hose gegangen“

DEB-Präsident Uwe Harnos spricht im Interview über das Debakel der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft - und die Konsequenzen daraus.

Interview: Katrin Schulze
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Das gibt's doch gar nicht. Die Deutschen nach einem WM-Spiel.Foto: dpa

Herr Harnos, wo haben Sie eigentlich die WM-Spiele der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft verfolgt?


Die ersten Spiele habe ich in Bern gesehen. Dann musste ich berufsbedingt nach Hause fahren und die restlichen Partien vor dem Fernseher verfolgen. Ich hatte ein sehr ungutes Gefühl dabei, um das mal freundlich auszudrücken. Beim Spiel gegen die Franzosen empfand ich fast Schmerzen.

Warum?

Das, was da auf dem Eis passiert ist, hat Einfluss auf mein körperliches und psychisches Wohlbefinden genommen. Da ist alles in die Hose gegangen, was in die Hose gehen konnte.

Das deutsche Team trat mit dem Ziel an, das Viertelfinale zu erreichen. Nun hat einzig die Austragung der WM 2010 in Deutschland den Abstieg in die Zweitklassigkeit verhindert ...

... daran lässt sich wirklich nichts beschönigen.

Wie ist es denn möglich, gegen Länder zu verlieren, in denen es weit weniger aktive Eishockeyspieler gibt als in Deutschland?

Fragen Sie mich nicht. Ich habe es selbst nicht kapiert. Ein Sieg gegen Länder wie Dänemark, Frankreich oder Österreich ist eigentlich Pflicht. Natürlich gibt es Gründe dafür: Wir sind nicht an den anderen Teams gescheitert, sondern an unserem eigenen Spiel. Ich habe keinen Zweifel, dass alle Profis wollten, aber ein Großteil war nicht in der Lage, seine volle Leistungsfähigkeit abzurufen. Andere Gründe müssen in den nächsten Tagen analysiert werden.

Versuchen wir es doch jetzt schon mal. Bundestrainer Uwe Krupp geriet beispielsweise für seine Nominierungen in die Kritik. Sind wirklich die besten deutschen Spieler für das Nationalteam aufgelaufen?

Ich persönlich glaube eher nicht, dass der gravierende Misserfolg am Kader lag. Zwar habe ich so meine eigenen Gedanken dazu, aber vielleicht bin ich auch zu wenig Fachmann. Eines ist doch klar: Sobald der sportliche Erfolg ausbleibt, wird der Trainer kritisiert. Das ist logisch und gerechtfertigt.

Stellen auch Sie den Bundestrainer infrage?

Im Moment habe ich keinen Anlass, Uwe Krupp als Person und auch ob seiner Fähigkeiten infrage zu stellen. Ich denke, dass er bis zur Olympiaqualifikation im Februar zumindest kleine Erfolge erzielt haben wird. Und er kann ja sein Handwerk nicht in zwei Monaten verlernt haben.

Eine klare Jobzusage hört sich anders an ...

Ich halte es für überflüssig, mich dazu zu äußern, bevor eine ausgiebige Analyse erfolgt ist. Die WM war wie ein Puzzle, bei dem kein Teil zum anderen gepasst hat. Man muss jetzt genau überlegen, warum das passiert ist. Vielleicht ist das sportliche Desaster wenigstens dafür geeignet, dass alle Betroffenen darüber nachdenken und gemeinsam überlegen, was wir besser machen können.

DEB-Generalsekretär Franz Reindl spricht von einem tiefen Loch, in dem sich das deutsche Eishockey befindet. Welche Veränderungen sind nötig?

Man muss bei den Strukturen und Verantwortlichkeiten ansetzen. Es gibt bei uns sehr viele Ligen mit unterschiedlichen Stärken und Spielmodi. Wir haben die Deutsche Eishockey-Liga, die Eishockeyspielbetriebsgemeinschaft, die Landesverbände und schließlich den DEB. Jede Gruppierung hat ihre eigenen Zwänge, Notwendigkeiten und Befindlichkeiten.

Sie plädieren für eine Vereinheitlichung und mehr Transparenz?

Ich bin kein Träumer. Deshalb glaube ich nicht, dass die Verselbstständigung der DEL wieder zurückzuführen ist. Aber wir müssen ein Konstrukt finden, in dem es ein Dach für das gesamte deutsche Eishockey gibt. Nur so können gemeinsame Entscheidungen getroffen und nach außen getragen werden. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass wir den Sport in Deutschland wieder nach vorne führen können. Die Infrastruktur ist mit der medialen Aufmerksamkeit und den großen Hallen ja vorhanden.

Das professionelle Umfeld steht zurzeit im Gegensatz zur sportlichen Leistung. Wie wollen Sie dieses Dilemma bis zur Heim-Weltmeisterschaft lösen?

In der Tat gibt es momentan eine ganz große Diskrepanz, mit der wir alle nicht gerechnet haben. Im Vorfeld der WM 2010 müssen wir Schadensbegrenzung betreiben und die Fehlerquellen abstellen. Es ist doch klar: Die Euphorie für die WM ist auch von der sportlichen Leistung des Gastgebers abhängig.


Uwe Harnos, 48, ist Rechtsanwalt und seit 2008 Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB). Zuvor war er unter anderem Vorstandsmitglied des ESV Kaufbeuren.

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