Debatte : Wer ist der größte Olympionike aller Zeiten?

Michael Phelps hat 14 Goldmedaillen gewonnen, 8 davon in Peking. Macht ihn das zum größten olympischen Helden aller Zeiten? Diskutieren Sie mit, stimmen Sie ab.

Juliane Schäuble
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Wer ist der Größte? Michael Phelps - oder doch Larissa Latynina, Mark Spitz, Carl Lewis oder Paavo Nurmi?Foto: AFP

Es muss wahrlich ein einzigartiger Moment für den 23-jährigen Michael Phelps gewesen sein, als er am Mittwoch vergangener Woche im Pekinger Schwimmstadion das erste Mal als „größter Olympionike aller Zeiten“ bezeichnet wurde. 14 Goldmedaillen hat der Amerikaner nun insgesamt geholt – mehr als ein Sportler bei Olympischen Spielen jemals zuvor erreicht hat. Acht davon hat Phelps in Peking erschwommen.

Doch macht das den Schwimmstar, den sie in China "Fliegenden Fisch" nennen, automatisch auch zum bedeutendsten Olympioniken aller Zeiten? Darüber wird nun kräftig diskutiert – und das sogar in Phelps’ Heimat, in der seine Rekorde-Jagd ansonsten doch so frenetisch gefeiert wird. Wie sehen Sie es, liebe Leser? Schreiben Sie einen Kommentar unter diesem Artikel, stimmen Sie ab bei unserer Umfrage.

Sind doch eher Leichtathleten die allergrößten?

Die "New York Times" lässt dazu David Wallechinsky, Vizepräsident der „International Society of Olympic Historians“, zu Wort kommen. Und der entzieht sich dem Starrummel um Phelps ein wenig. Stattdessen kürt Wallechinsky die Leichtathleten Carl Lewis (USA) und Paavo Nurmi (Finnland) zu den allergrößten Olympioniken. Und seine Argumentation klingt durchaus schlüssig: In Sportarten wie Schwimmen oder Turnen sei es viel einfacher, bei einem Turnier gleich mehrere Goldmedaillen zu gewinnen. Denn es gibt hier mehr einzelne Wettkämpfe.

So holte der weißrussische Turner Witali Scherbo 1992 in Barcelona gleich sechs Goldmedaillen, der US-Schwimmer Mark Spitz 1972 in München sogar sieben - das gelang keinem Leichtathleten oder Fechter. Einzigartig wirken da die fünf Goldmedaillen, die Paavo Nurmi 1924 in Paris gewann. Nur zwei Leichtathleten, die Amerikaner Jesse Owens (1936 in Berlin) und Carl Lewis (1984 in Los Angeles), schafften es auf immerhin noch viermal Gold bei einem einzigen Turnier - was sonst nur Schwimmern oder Turnern und mit dem Norweger Ole Einar Björndalen einem Biathleten gelang.

Außerdem: Leichtathletik sei der „demokratischere Sport“, da mehr Länder Spitzenläufer als Spitzenschwimmer hervorbrächten, ergänzt Historiker Wallechinsky. Und Carl Lewis zum Beispiel habe bei vier Olympischen Spielen mindestens eine Goldmedaille gewonnen – was nur ganz wenigen Menschen gelinge.

Kann man Gold im Schwimmen mit Gold im Zehnkampf vergleichen?

Keine Frage: Phelps ist ein absoluter Ausnahmeschwimmer, ein Jahrhundertsporttalent – immer vorausgesetzt natürlich, alles geht mit rechten Dingen zu. Er gilt als der kompletteste Schwimmer der Gegenwart. Doch ist es nicht auch legitim zu fragen, wie viel mehr eine Goldmedaille etwa im Marathon oder im Zehnkampf zählt als eine über 100 Meter Schmetterling, die bei Phelps schon nach rund 50 Sekunden vorbei sind? Oder eine im Tennis, wo ein Sportler bei einem Turnier höchstens zweimal Gold (im Einzel und im Doppel) gewinnen kann?

Bemerkenswert auch, dass sich in der "ewigen Bestenliste" der Olympischen Spiele mit dem norwegischen Skilangläufer Björn Dählie (achtmal Gold) gerademal ein Wintersportler unter den ersten 20 befindet - wenn Winterspiele in solchen Ranglisten überhaupt mitgezählt werden.

Olympia-Historiker Lennartz: Nicht unbedingt dauerhafter Ruhm für Phelps

Karl Lennartz, ehemaliger Präsident der "International Society of Olympic Historians", glaubt nicht an einen dauerhaften Ruhm von Michael Phelps. "Falls er an den Olympischen Spielen in vier Jahren nicht mehr teilnimmt, ist er schnell vergessen", sagte der Sporthistoriker Tagesspiegel Online. "Die meisten amerikanischen Helden gehen sehr schnell unter" - es sei denn, es seien Charaktere wie Muhammad Ali, Jesse Owens oder Carl Lewis. "Die Zahl der Medaillen alleine ist nicht ausschlaggebend, immerhin hat Muhammad Ali nur eine gewonnen."

Die Vergabe des Titels "größter Olympionike aller Zeiten" an Phelps sei eine "typische Übertreibung der Amerikaner, die Größe anhand von Zahlen messen", sagte der Berliner Sportphilosoph Gunter Gebauer Tagesspiegel Online. "Dabei haben sie mit einem Jesse Owens, Muhammad Ali oder Carl Lewis doch die wahren Großen im eigenen Land."

Diese Sportler hätten Größe, weil sie einen bestimmten Stil pflegten. "Da treffen sportliche Leistung und Persönlichkeit zusammen." Gebauer, der an der FU Berlin lehrt, stellt ein paar Kriterien auf, die einen Ausnahmesportler zu einem einzigartigen olympischen Helden machen. Dazu zählten etwa Ästhetik und Eleganz, wie sie ein Carl Lewis ausgestrahlt habe - auch außerhalb des Wettbewerbs. "Steigt Michael Phelps aus dem Pool, ist von Ästhetik nicht viel zu spüren", spottet Gebauer.

Wichtig sei auch das Überraschungsmoment, wenn sich etwa ein bis dato weitgehend unbekannter Athlet wie der US-Weitspringer Bob Beamon mit einem Schlag vom gewöhnlichen Mann zum Star katapultiere - selbst wenn oder vielleicht gerade weil sein Erfolg einmalig war. "Das bleibt unvergesslich", sagt Gebauer. "Bei Phelps dagegen fehlt doch jegliche Überraschung." Bei ihm gebe es keinerlei "mythische Dimension". Außerdem seien solche Erfolge und Rekorde in Serie, wie Phelps sie produziere, irgendwann "ermüdend".

Das Problem mit den Staffelmedaillen

Einen anderen Punkt erwähnt der amerikanische Reporter Phil Hersh, der bereits über 14 Olympische Spiele berichtet hat, in einem Beitrag für die "Los Angeles Times": die häufige Staffelteilnahme von Phelps, die ihm vergleichsweise einfach zu zusätzlichen Medaillen verhilft, gibt Hersh zu bedenken – und listet Michael Phelps daher nur an sechster Stelle der erfolgreichsten Olympioniken, Lewis dagegen an erster.

Und der erfahrene Reporter mahnt, in der Begeisterung über den US-Schwimmer aus Baltimore nicht zu "hyperventilieren". "Ja, er hat mehr Goldmedaillen als jeder andere vor ihm bei Olympischen Spielen gewonnen. Aber das macht ihn noch nicht zum größten Olympioniken aller Zeiten." Damit schaffe er es noch nicht einmal unter die ersten fünf, schreibt Hersh. Es sei "einfach, im Schwimmen mehrere Medaillen zu gewinnen". Dieser Sport belaste den Körper viel weniger als etwa Leichtathletik oder Turnen.

Für seinen Artikel bekam Hersh allerdings – wie wohl auch nicht anders erwartet – gehörigen Widerspruch. „Es ist ok, wenn Sie meinen, dass er nicht der Größte ist, aber er schafft es bei Ihnen nicht einmal unter die ersten fünf? Das ist pure Ignoranz! Mann, er hat die HÄLFTE ALLER US-MEDAILLEN gewonnen! Muss er erst über Wasser laufen, damit Sie Ihre Meinung ändern?“, ereifert sich online ein Leserkommentator. Ein anderer schimpft: Das war „der dümmste Artikel, den ich jemals gelesen habe“. Und einer schreibt: „Hätten Sie jemals einen Schwimmer trainiert, hätten Sie diesen Artikel nicht geschrieben. Schwimmen ist wohl die härteste Sportart dieses Planeten.“

Phelps hat die Sympathien vieler Amerikaner auf seiner Seite: Auch in einer Umfrage nach dem größten Olympioniken auf der Internetseite der "Los Angeles Times" führte er deutlich mit mehr als 50 Prozent der abgegebenen Stimmen vor dem Zweitplazierten Carl Lewis.

Sporthistoriker Holt: Erst Widerstände schaffen Helden

Dem britischen Sporthistoriker Richard Holt dagegen missfällt die ganze Debatte. "Es ist doch unfair, eine Sportart mit einer anderen zu vergleichen, in der die Medaillenchancen viel geringer sind", sagte Holt Tagesspiegel Online. Man könne zudem argumentieren, dass das "Überdauern" über einen langen Zeitraum als die größte Errungenschaft anzusehen sei, sagt der Sporthistoriker mit Verweis auf den britischen Ruderer Steve Redgrave, der in einer sehr harten Sportart so lange Zeit erfolgreich gewesen sei. Redgrave gewann zwischen 1984 und 2000 bei fünf aufeinander folgenden Olympischen Spielen Goldmedaillen - mit einer weiteren machte ihn das zum bisher erfolgreichsten britischen Olympiateilnehmer der Geschichte.

Möglicherweise machten erst die Widerstände, gegen die ein Athlet zu kämpfen habe, ein wahren olympischen Helden aus, gibt Holt weiter zu bedenken. Anders als Phelps, der enorme Unterstützung erfahren habe, sei etwa Jesse Owens 1936 in Berlin mit dem "Nachteil" seiner (schwarzen) Hautfarbe angetreten; und die Niederländerin Fanny Blankers-Koen 1948 in London mit dem "Nachteil" des falschen Geschlechts - die zweifache Mutter (Spitzname "Die fliegende Hausfrau") konnte damals gerademal vier Stunden pro Woche trainieren - und avancierte dennoch mit vier Goldmedaillen zum Superstar der Veranstaltung.

Phelps selbst hält sich raus

"Phelps ist ziemlich sicher der größte Schwimmer, aber er hat keine darüber hinaus gehende Bedeutung. Wie er selbst über sich sagt: Er isst, schläft und schwimmt - vergleichen Sie das doch einmal mit dem Boxer Cassius Clay!" Historiker Holt spielt damit auf das Engagement von Cassius Clay alias Muhammad Ali an, der sich öffentlich gegen den Vietnamkrieg und für die Rechte der Schwarzen einsetzte. Schon international erfolgreich, hattte der Boxer in seiner Heimatstadt Louisville (Kentucky) noch lange Zeit mit offener Diskriminierung zu kämpfen. 1999 wurde Muhammad Ali, den viele für den größten Schwergewichtsboxer aller Zeiten halten, vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zum "Sportler des Jahrhunderts" gewählt.

Vielleicht ist es nicht ganz fair, einen 23-jährigen amerikanischen Collegestudenten in der heutigen Zeit mit solchen Vorbildern zu konfrontieren. Aber bei der Abwägung über die historisch korrekte Einordnung seiner Leistungen spielen solche Einwände schon eine Rolle. Welchen Platz in der olympischen Ahnengalerie Michael Phelps selbst für angemessen hält, bleibt offen: Er hält sich aus solchen Debatten schlicht raus. „Ich schwimme einfach nur“, sagt er. „Über so etwas denke ich nicht nach.“

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