Defensives Mittelfeld : Kämpfer oder Kontrolleur

Bei Hertha BSC hoffen die Rückkehrer Peter Niemeyer und Andreas Ottl auf den einen freien Platz vor der Abwehr.

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Schlüsselqualifikation. Peter Niemeyer hat Vorzüge im Kopfballspiel.
Schlüsselqualifikation. Peter Niemeyer hat Vorzüge im Kopfballspiel.Foto: dapd

Peter Niemeyer hat noch einiges nachzuholen. Der Mittelfeldspieler von Hertha BSC war am vergangenen Wochenende gesperrt und bekam nicht mit, wie Trainer Otto Rehhagel in der Kabine den Zauberlehrling von Johann Wolfgang von Goethe rezitierte. „Ich werde den noch mal lesen müssen, um den zu hundert Prozent zu verstehen“, sagt Niemeyer. Aber dafür gebe es ja das Internet.

Bei Hertha muss man derzeit aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren – nicht nur was die neuesten Kabinen-Balladen angeht. Niemeyer muss sich nicht nur virtuell in die Weimarer Klassik einlesen, um Rehhagel folgen zu können. Er muss sich auch mit einer neuen Situation auf dem Platz zurechtfinden.

Der 28-Jährige war in der Rückrunde noch der am stabilsten agierende Mittelfeldspieler einer völlig instabilen Mannschaft. Aber das hat sich in nur einem Spiel geändert. Beim ersten Sieg seit vier Monaten erfüllten Lewan Kobiaschwili und Debütant Fanol Perdedaj die Aufgabe vor der Abwehr mit Erfolg. Rehhagel sagte danach, Lehrling Perdedaj könne „sich bedanken, dass ich ihn mal aufgestellt habe“, den alten Meister Kobiaschwili lobte er überschwänglich.

Zu Saisonbeginn sah die Situation noch so aus, dass sich Niemeyer, Andreas Ottl und Fabian Lustenberger ein Triell um die zwei Plätze im defensiven Mittelfeld lieferten. Nun kämpfen Niemeyer und Ottl, die beide ihre Sperren abgesessen haben, darum, am Samstag in Köln neben Kobiaschwili auflaufen zu dürfen. Der Georgier ist ein gesetzter Mann. Lustenberger konnte nach seiner Fußprellung am Dienstagvormittag den 75-minütigen Lauf mit der Mannschaft nicht mitmachen, er wird wohl erneut fehlen. Und dass Perdedaj sich so schnell noch einmal bei Rehhagel bedanken darf, scheint unwahrscheinlich.

„Klar will ich spielen“, sagt Niemeyer. Kobiaschwili und Perdedaj hätten ihre Aufgabe gegen Bremen gut gemacht, soweit er es habe sehen können, „ich war auf der Tribüne vor Zittern nicht ganz aufnahmefähig“. Nichtsdestotrotz habe er in der Saison auch seine Leistung gebracht.

Es hängt wohl von Otto Rehhagels Strategie gegen Köln ab, wer spielen darf. Gegen Bremen wählte der Trainer einen jungen Mann, der 90 Minuten marschiert, neben einem erfahrenen Spieler, der Situationen mit dem Auge statt der Lunge lösen kann. „Deshalb hat er sich so entschieden“, sagt Kobiaschwili, „jetzt muss er sich wieder entscheiden.“

Wählt er die Variante Kobiaschwili plus Kämpfer, wäre Niemeyer die logische Option. Das unterstreicht er auch verbal. „Wenn man unten steht, kann man nicht alles spielerisch lösen, dann muss man über den Kampf ins Spiel finden“, sagt Niemeyer. Dafür steht und stand der frühere Bremer, auch schon vor dem vergangenen Wochenende. Ob das mittlerweile bei allen so ist, will er nicht bejahen. „Ich hoffe, dass es jeder begriffen hat, am Samstag sah es so aus“, sagt Niemeyer, „aber wir müssen es jedes Wochenende beweisen.“ Dazu ist er durch seine Wucht und Kopfballstärke bei Standards torgefährlich. Im Gegensatz zu den torlosen Ottl und Lustenberger hat er schon zweimal getroffen.

Operiert Hertha aber nicht so stark über die Flügel oder mit hohen Bällen wie gegen Werders Mittelfeldraute, wäre ein wenig Spielkontrolle in der Zentrale hilfreich. Das wäre das Modell Kobiaschwili plus Kontrolleur. Ottl wird oft als Spielverschlepper geschmäht, aber er ist der ballsicherste Kandidat. Er könnte das Loch zwischen der zuletzt tief stehenden Abwehr und der hoch stehenden Offensivreihe nicht nur stopfen, sondern auch füllen.

Ottl ist einer, der clever spielt, wie es Rehhagel so oft fordert. Was er mit Cleverness genau meint, wissen die Spieler jedoch selbst nicht. „Keine Ahnung“, sagt Kobiaschwili ratlos, während er verschnupft an einem Taschentuch knetet, „vielleicht, dass man diszipliniert spielt und sich keine Gelben oder Roten Karten holt – da wäre ich ja als Nächster dran.“ Sieht der 34-Jährige in Köln die fünfte Verwarnung, wäre zumindest kurzfristig für den Hausfrieden im Mittelfeld gesorgt, weil sein Platz gegen Bayern frei wird. Dann müsste er sich nachher nur erkundigen, welches Gedicht Rehhagel diesmal vorgetragen hat. Damit er mitreden kann.

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